Mirja u Minnig – Tonbrötli
Text: Dino Dal Farra
Bild: Cover
Man nehme: eine Mirja (Mirjam Gygax), einen Minnig (Jack Minnig) und berndeutsche Chansons und mische Gitarre, Klavier, Mundharmonika, Trommel, Flöte und Akkordeon bei und höre sich das Ganze an. Es kommt eine Art Revision der guten alten Chansons, Liedermacher-Lieder und Zigeuner-Stücken heraus, nur dass diesmal der avantgardistische Faktor sehr bewusst betont wird. Es resultieren moderne „Tonbrötli“, das erste Programm des Berner Duos Mirja u Minnig: Rassige Mundart-Oden auf die erste Liebe („Di erschti“), schmalzige Vagabunden-Rufe mit beduselnder Heimweh-Injektion („Chum hei“) und - wenn man sie sehen statt hören würde - Schwarz-Weiss-Hymnen auf das alte Bern mit seiner Aare, wo es nach Fisch, türkischem Kaffee oder nach „Zibeleringe“ riecht. Bern, i ha di gern. Und das klingt ganz ehrlich, wenn man ehrlich ist. Da wird das Münster nicht höher gemacht, als es ist. Die Aarepromenade wird so gelassen – malerisch aber schlicht, und man gibt sogar zu, dass es in Bern früher oft nach Fisch stank. Aber: Bern, i ha di gern. „Tönbrötli“ ist, wenn man sie hört, eine CD wie ein Fotoalbum mit vielen Schwarz-Weiss-Bildern, die von einem musikalischen Pinsel neu gemalt werden. Farbtupfer erhalten die Erinnerungen an die Chanson-Zeit mit der schönen, zeitgemässen Vertonung. Das Zigeunerische, teilweise vom Französischen stark inspirierte Liedgut ist ein Sinnbild hierfür. Dass nicht nur in der Vergangenheit gewühlt wird, beweist der Song „Speed-Dating“, in dessen Verlauf die Antiheldin Clöde sich im Speed-Dating versucht und dabei nichts unversucht lässt, um auf dem schnellsten Weg den richtigen Mann zu finden. Und es ist irgendwie typisch Mirja u Minnig, dass Clöde ihn nicht findet und stattdessen am Ende der erzwungenen Flirts mit 10 Kandidaten das bittere Resumé ziehen muss, dass sie ihre 80 investierten Stutz „gschider wär go verfrässä“!