One:Shot:Orchestra: von Maschinen, Strom und Teamwork
Text: Eve
Bilder:
musicbild.li
One-Shot, auch die Bezeichnung für einzelne Comics, die nicht Teil einer Serie sind, passt eigentlich gut zur Schweizersich-Deutsch-gemischten Truppe. Sie sind jung, sie sind knackig, sie sind schillernd und leicht crazy... Ihre Songs sind Shots, kleine Storys auf französisch und englisch, unterlegt mit Elektro, House, Maschinen, Technik und live Instrumenten. Das Trio gilt als Geheimtipp zwischen den Partymetropolen Berlin und Zürich und war mir - zu meiner Schande - bis zum Woodrock dieses Jahr völlig unbekannt... Ihre EP “Okaiii“ hatte ich bis anhin nicht gehört und dass wir unser Gespräch vor ihrem Auftritt hatten, erleichterte es nicht gerade. Andererseits ist es die beste Voraussetzung für ein Interview, wenn man nicht zuviel über das Gegenüber weis, so hat man sicher immer etwas zu fragen. Ich war also aus Mangel an Akustischem auf Gedrucktes angewiesen. In ihrer Bio steht zum Beispiel der Begriff ‚Live DJs’, und da ich mir darunter herzlich wenig vorstellen kann, spreche ich sie darauf an. Fabian Kalker versucht, es mir zu erklären: „Wir sind ein live Act, das ist eigentlich mehr eine live Band. Das heisst wir spielen Instrumente auf der Bühne und Synthy und MPC und wir legen schon auch auf, aber wir sind an sich eine Band.“ Jakob ergänzt: „Das ist sozusagen so, dass wir eine Live-Band sind und ein Produzententeam. Wir produzieren alle unabhängig, wir produzieren auch als One:Shots, machen Remixes und wenn wir live spielen kommt’s halt drauf an. Manchmal legen wir dann auf in Clubs oder spielen halt 'nen live Act. Dann stehen wir zu Dritt auf der Bühne, es ist schon 'ne Band, aber sehr nahe an DJ-Musik.“
Ebenfalls aus der Bio habe ich erfahren, dass das One:Shot:Orchestra ‚Maschinen’ auf der Bühne haben sollen. Hätte ich doch nur nicht gefragt... Es folgt eine Weiterbildung in Sachen Technik die meinen Kopf zum rauchen bringt. Verstanden habe ich folgendes: Das Trio hat auf der Bühne analoge Syntys, welche die Musiker spielen und – was wohl am ehesten in Richtung Hip Hop oder in Richtung DJ Sound geht – eine MPC. Für den Laien (mich) erklärt Fabian das Gerät „Eine MPC ist einfach ein klassischer Hip Hop Sampler. Da kann man Sounds reinladen und die dann live spielen. Was jetzt bei uns aussergewöhnlich ist, wir benutzen das nicht, indem wir auf Play drücken und irgendwas läuft, sondern wir benutzen das um eigentlich die Maschine live zu spielen.“ Weiter klärt er auf, wie es funktioniert, dass sich ihre Songs dauernd verändern. Es kommt dadurch, dass sie als Band eine ‚Fernbeziehung’ haben zwischen Berlin, Wien und Bern. So kommt’s, dass jeder zu Hause selber Stücke produziert und sie beim nächsten Treffen in den Bandraum bringt. „Dann verändern sich die Songs dadurch, dass wir sie live spielen. Danach gehen wir damit auf die Bühne und bemerken, das Eine funktioniert gut, das Andere und das und das ist noch nicht so gut, dann ändern wir das auf den nächsten Gig - es ist eigentlich ein andauernder Prozess.“ Auch durch die Geräte, die Instrumentierung, die sie jetzt auf der Bühne haben, klingen die gleichen Stücke, die sie schon vor zwei Jahren gespielt haben, jetzt komplett anders. Jakob Suske: „Eigentlich könnte man sagen es ist so 'ne Art Mischung aus Spielfreude, aus dem quasi improvisierten Spielen auf der Bühne, und dem Remixen - was jetzt mehr so aus der technoiden Ecke kommt. Das können wir sehr gut zusammenbringen weil dann jeder irgendwas neues anbringt und das wird dann gleich auf der Bühne ausprobiert.“
Dadurch, dass One:Shot:Orchestra im Team sehr gut eingespielt sind und diese ganzen Geräte wirklich gut ausgecheckt haben, können sie sehr frei mit den Strukturen, die sie haben, umgehen und mit dem Druck und dem Sound von aufgelegter Musik wie in einer Spielsituation umgehen. „Das hat Zeit und viel Anpassung gebraucht damit wir wirklich ein Setup haben, das es auch mitmacht. Das ist technisch nicht so leicht, aber es ist ein ständiger Prozess und deswegen verändern sich die Songs auch dauernd", erläutert Jakob. Das klingt verdammt schwierig, gerade das spontan Spielen auf der Bühne, das Improvisieren. Das bedingt, dass man sich gut kennt, das man sich gegenseitig lesen kann und man weiss, was der andere meint, wenn er etwas zu spielen anfängt. Es braucht laut dem Orchestra eine Weile, bis man das gelernt hat und erst dann kann man auch wirklich flexibel sein. „Auch von der technischen Seite her braucht es Beweglichkeit. Wenn du probierst, den Sound live umzusetzen, kann es sein, dass du an die Maschine gebunden bist und nicht die Freiheit hast, damit zu spielen, sondern, dass einfach die Maschine diktiert wo es durchgeht. Wir hatten recht lange bis wir einen Weg gefunden haben, dass wir das auch spielerisch einsetzen können. Der technische Aspekt ist auch ein wichtiger Teil“, vervollständigt Simon Baumann. „Ganz pragmatisch kann man sagen: Wenn ein DJ einen Track auflegt, und bemerkt die Leute flashen das gerade, dann hat er die Möglichkeit vielleicht etwas anderes aufzulegen was ähnlich ist oder so“, bringt Jakob ein. „Genauso haben wir die Möglichkeit, zu reagieren wenn wir bemerken; ah, das Publikum fliegt gerade total auf einen bestimmten Sound ab, die wollen Tanzen, dann sagen wir nicht der Song ist zu Ende, sondern wir können einfach damit arbeiten, wir können dehnen, wir können Aufbauten machen, haben halt die Flexibilität die man als Jazzmusiker hat - aber in Kombination mit 'nem technoiden Ansatz.“
Das One:Shot:Orchestra bewegt sich zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her. Einziger Unterschied: In Berlin seien die Partys etwas exzessiver. Simon kann mir da ein Beispiel nennen. „Als wir im Salon zur wilden Renate gespielt haben, war es so, dass wir am Anfang gar nicht in den Club hineingekommen sind. Es war unglaublich voll und wir sind nach dem Soundcheck schlafen gegangen weil wir müde waren und wir erst um vier Uhr Showtime hatten.“ Sie waren dann ungefähr um Zwei wieder bei dem Club damit sie auch sicher genug Zeit hatten. „Und wir sind einfach nicht hineingekommen... Es hatte so viele Leute vorne dran und es hat uns einfach auch niemand geglaubt, dass wir unbedingt reinmüssen. Wir haben auch den Veranstalter nicht erreicht und dann kamen wir genau um Vier Uhr endlich zur Tür hinein. Und irgendwann konnten wir dann sogar spielen... Um Zwölf ist da einfach noch niemand. Um Zwei, Drei geht’s dann los und dann halt bis in die Morgenstunden. Das ist, glaub ich, so der Hauptunterschied.“ Das Album, das ursprünglich für den Herbst geplant war, wird später, wahrscheinlich erst Anfang nächsten Jahres, kommen weil die Jungs vom One:Shot:Orchestra im Moment mit dem Rapper Kutti MC an seinem nächsten Album arbeiten. „Was wir wollen, ist so n’ bisschen den Live-Faktor wieder in die Musik reinbringen. Die EP ist sehr elektronisch, deckt eher die elektronisch produzierte Ecke von dem was wir tun ab. Dadurch, dass wir jetzt spielen können, wollen wir auf jeden Fall versuchen, die Erfahrung von dem, wie das live funktioniert und auch die Spielfreude vom live spielen, aufs Album zu bringen.“ Dass das eine ziemliche Herausforderung ist, ist den 'Knöpfchendrehern' schon klar. Aber da sie jetzt musikalisch da sind, wo sie sind, können sie das Beste von der produzierten Seite und das Beste von dem was eben eine Band ausmacht, nämlich das zusammen Spielen, die Dynamik usw., auf ein Album bringen. Ich bin gespannt.