Open Season: Heiss und feurig wird mehr und mehr groovy
Der letzte grössere Bericht über Open Season auf trespass.ch stammt aus dem letzten August und berichtet über den Auftritt der Berner Einheizer am Thunfest. Ein Auftritt ohne Keyboarderin Lucy; sie brachte an jenem Abend einen Sohn zur Welt. „Der kleine gedeiht prächtig“, freut sich Open Season-Frontmann knapp ein Jahr später vor dem Auftritt am Vogellisi Festival in Adelboden. Ganz so spurlos ging die Geburt des kleinen Keyboarders aber nicht an der Band vorbei. „Lucy möchte flexibler sein und wird bei uns ab Ende Jahr 'nur' noch als Backgroundsängerin dabei sein“, erzählt Santosh, „ihren Platz an den Tasten übernimmt Roman Sonderegger.“ Kein Open Season-Frischling übrigens; er ersetzte Lucy schon letzten Herbst, als die Ska-/Rocksteady/Reggae-Truppe gut zwei Wochen lang durch Europa tourte.
„Sehr sehr cool“, sei die Tour mit „gut zehn Shows in rund zwei Wochen“ gewesen, berichtet der sympathische Fronter der Feelgood-Truppe. Dabei seien die gängigen Klischees wie „feurig heisse Multikulti-Band aus kühlem Land voller engstirniger Bergler“ nie gross ein Thema. „Es geht um Reggae, Ska und ob einem die Band gefällt, oder nicht. Ob wir glaubwürdig und gut rüberkommen ist viel wichtiger, als ob wir Schweizer sind, oder nicht.“ Und setzt Santosh an zu einem flammenden Plädoyer für das Leben auf Tour: „Wenn wir könnten, würden wir nur noch das machen. Wir haben schon drei oder vier derartige Tours hinter uns. Zum Auftakt sitzt zu in den Bus und dann gibt’s zwei, drei Wochen nichts anderes. Der Tagesablauf ist ganz ein eigener mit Show und Hotel am Abend, Aufstehen und reisen den Tag hindurch und Soundcheck und Show am nächsten Abend. Du hast nur das im Kopf und nichts anderes.“
Gefahr, sich auf den Wecker zu gehen, wenn alle auf so engem Raum zusammengepfercht sind, sieht Santosh keine: „Ich will gar keine anderen 'Grinde' sehen – die sind das beste an der ganzen Sache“, sagt der Sänger und lacht. Open Season lebe davon, dass sich die Band sehr gut verstehe und auch neben Konzertbühne, Übungsraum und Studio noch viel Zeit gemeinsam verbringe. „Wir verbringen so viel Zeit gemeinsam, da MUSS es einfach auch auf der menschlichen Ebene klappen.“ So fiel der Entscheid zu Gunsten des neuen Keyboarders Roman nicht ausschliesslich auf Grund seiner musikalischen Qualifikationen. „Es ist zentral, dass wir acht bis zehn Stunden eben in einem Bus sitzen können, ohne uns – neben den 'gewöhnlichen' Reibereien – auf den Geist zu gehen.“
Gewinnend und mit einem entwaffnenden Lachen erklärt Santosh, gefragt nach den Rock'n'Roll-Klischees auf Tour, im Brustton der Überzeugung: „Die Stimmen alle! Drogen: Ja. Sex: Ja. Und Rock'n'Roll sowieso!“ Trotz dieses toughen Pensums ist es für ihn – gerade für ihn, der Gig für Gig seinen Ruf der kraftstrotzenden Rampensau eindrücklich untermalt – kein Problem, Abend für Abend mit Power vollgepackt auf die Bühne zu steigen: „Du sitzt den ganzen Tag im Bus, warst zehn Stunden unterwegs nur für die bevorstehenden anderthalb Stunden. Da ist das Betreten der Bühne ein regelrechter Kick! Wenn du da nicht Vollgas gibtst, ist definitiv was falsch gelaufen!“ Santosh schränkt den Wahrheitsgehalt der Rock'n'Roll-Klischees dann insofern ein, als das er sagt: „Klar gibt es Parties, manchmal auch solche, die länger dauern. Aber wenn wir wissen, wir müssen am nächsten Tag früh raus, ist klar, dass wir auch beizeiten schlafen gehen.“ Aber: So richtig geschlafen wird jeweils definitiv wieder zurück in heimischen Landen.
Neben Europatour letzten Herbst und diversen Gigs dieses Jahr laufen im Hause Open Season die Arbeiten für das versprochene nächste Fulllength Album auf Hochtouren. Im November eine klassische Vorabsingle und im Januar dann der komplette Longplayer – so lautet der Fahrplan. Dazu kommt eine ausführliche Tour durch die Schweiz und die „Rückkehr“ nach Bern. „Das Konzert im Februar im Bierhübeli wird nach zwei Jahren das erste in der Stadt Bern sein“, gesteht Santosh. Auch auf dem neuen Album werden die Berner der heiligen Dreifaltigkeit des guten Gefühls treu bleiben, „aber vielleicht müsste man umdrehen und neu von 'Reggae/Rocksteady/Ska' sprechen“, meint Santosh. „Wahrscheinlich noch etwas mehr Elektronik, etwas Dancehall“, werde der neue Sound beinhalten, und „hoffentlich den einen oder anderen e chli überraschen“, wünscht sich Santosh.