Power hat einen Namen: Orpheline
Power hat einen Namen: Orpheline. Die junge Frau aus dem Tessin fegte am Freitag Nachmittag wie ein Sturm von guter Laune über das Gelände des Openair Gampel. Um 14.45 betrat sie mit ihren vier Musikern die Bühne zwei – und legte gleich los wie ein Derwisch. Wobei das nicht heissen soll, dass sie übermässig laut oder gar böse loslegte. Im Gegenteil: Mit ihrer Mélange aus Pop, Funk, Rock und einem Schuss R'n'B zeigte Orpheline, wie sich zeitgemässer Sound sehr wohl energetisch und kräftig interpretieren lässt. Nix von lascher Laisser-faire-Attitüde, wie sie allzuviele ihrer Altersgenossen heute zelebrieren. „Auf der Bühne stehen, Musik machen und singen, das hat ist ein einziges Geben und Nehmen“, erklärt sie im Talk nach der Show. „Wenn ich Gas gebe, wachen die Leute auch auf und legen los. Diese Energie kommt dann zurück und so entsteht eine Wechselwirkung von unglaublicher Kraft.“ Kraft, welche Orpheline ganz offensichtlich lebt und nicht spielt. „Ich brauche das“, sagt sie mit einem Strahlen auf dem Gesicht. Und das nur eine Stunde nach ihrer im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Show.
„Nach einem Gig wie heute bin ich jeweils im ersten Moment schon grad ziemlich ausgepumpt“, gesteht sie. „Aber eine halbe Stunde später bin ich schon wieder voll da und ready, weiter Party zu machen.“ Und das selbst nach einem Auftritt, wie jenem in Gampel, wo es das Publikum ihr nicht allzu einfach machte: Zwar zahlreich anwesend liessen sich die Zuschauer gehörig Zeit, um sich von der guten Laune der Tessinerin anstecken zu lassen. „Ich verstehe das“, sagt Orpheline lachend. „Die meisten sind mindestens zwei Tage schon hier und haben heftige Partynächte hinter sich. Und ich weiss, dass die Partynächte hier richtig heftig sind.“ Und so war die gute-Laune-Attacke des jungen Energiebündels für den einen oder die andere anfänglich vielleicht doch etwas zu viel des Guten.
Wer den Wirbelwind auf der Bühne erlebt, staunt ob dem Umstand, dass Orpheline erst vor anderthalb Jahren so richtig losgelegt hat mit dem Musizieren. Ihr aktuelles Album „Spread my wings“ sei ein Album, das durch und durch Message sei, erklärt sie. „Sich von Schwermut befreien, die Flügel aufspannen und frei davon gleiten, einfach ins Leben hinaus – das ist das schönste was es gibt. Und ich wünsche mir, dass alle Menschen das so können.“ Ihre allerersten gesanglichen Schritte hat sie bereits im Alter von sechs gemacht, als sie im Kirchenchor sang. Als Orpheline dann aber eine Gitarre geschenkt kriegte und selber anfing, ihre eigenen Ideen musikalisch zu entwickeln war es um sie geschehen. „Seit dann bin ich richtig süchtig – ich brauche die Musik, um zu leben.“
Loslegen konnte sie allerdings nicht in den USA, wo sie damals lebte. „Das Leben dort war Wahnsinn – wir hatten überall Musiker um uns, welche genau die Vibes verströmten, die ich suchte – das war einfach grossartig“, erinnert sie sich. Doch nach dem Tod ihres Vaters kehrte Orpheline in die Schweiz zurück und startete ihre Karriere erst hier. „Im ersten Moment schien mir das wahnsinnig uncool. Ich hatte in den Staaten alles, was ich zum musizieren brauchte“, sagt sie. „Und dann in der kleinen Schweiz eine Karriere starten, das schien anfänglich wiedersinnig.“ Doch Orpheline wäre nicht Orpheline, wenn sie von letztendlich nebensächlichen Dingen wie diesen würde irritieren lassen. „Ich habe keinen Lieblingsort zum Spielen oder einen Markt, der mir am wichtigsten ist“, antwortet sie auf die Frage, für sie als Tessinerin Italien der Kernmarkt sei oder doch eher die Schweiz, Deutschland und Frankreich. „Wo die Leute an meiner Musik Freude haben, da gehöre ich hin!“