Liebi, Tod & Tüüfu - Kein Etikettenschwindel
Text: Ko:L
Bilder: Trespass Gallery/Patent Ochsner
Nachdem im Sommer viel Altes und da und dort ein Stückli Neues auf einigen wenigen auserlesenen grösseren und grossen Bühnen getestet wurde, steht ab November für die Ochsners eine ausgiebige Klubtour an. "Es ist extrem beruhigend, wenn du merkst, dass du nach einem Jahr Pause zurückkommen kannst ohne dass ein Loch entsteht", meint Büne scheinbar nüchtern. Die Verlegenheit, die über sein Gesicht huscht, als er, nach den Feedbacks auf die Sommer-Konzerte gefragt, "Wunderbar" sagt, kann er dann aber doch nicht ganz verstecken. Denn: "Ds Chribele" vor der neuen Tour ist noch da, "ja aber de sicher!" Es könne soviel passieren auf der bevorstehenden Tour, orakelt Büne. "Es isch ganz viu müglech, aber s´cha o i d Hose." Das sei jedoch jener Teil der Spannung im Business, die ihm gefalle "wiene moore." Und dann gesteht er, dass er noch heute nervös sei, wenn ein neues Album von Patent Ochsner rauskomme. Handkehrum sei er dankbar für diese Nervosität, weil sie ihm das Gefühl gebe, wirklich mittendrin in der Sache zu stehen.
"Brächten wir eine Scheibe raus, die nicht nach Patent Ochsner tönt, wäre das nichts anderes als Etikettenschwindel!" Nach 15 Jahren im Business hat Büne Huber nichts an Schlagfertigkeit verloren, im Gegenteil. Elegant nimmt das Herz, das Hirn und die Seele von Patent Ochsner dem Journi mit seiner ersten Antwort den Wind aus den Segeln. Die Frage zielte darauf ab, dass viele Songs auf dem Album "Liebi, Tod & Tüüfu" bloss einfach Patent Ochsner aus früheren Zeiten zitiere. Ob ihm die Ideen ausgegangen seien, wollte der kecke Jungspund vom gestandenen Sänger auch gleich noch wissen. "Nein, ich habe nicht den Eindruck, wir reproduzieren uns", macht dieser jedoch klar. Nun - der Journi bleibt dabei: Gewisse Harmonien auf "Liebi, Tod & Tüüfu" erinnern an frühere Werke, "Vater" oder "Compañero" hallen etwa in "Noniduschonüm" oder "Echo" nach. Aber auch neue Elemente tauchen auf, etwa Bläsersätze, die vielfach nicht mehr nach osteuropäischer Zigeunerromantik klingen, sondern vielmehr an mexikanischen Wüstensand erinnern. "Stimmt, ich hatte schon diese Mariachi-Idee. Es isch eifach e huere süesse Klang vo dene Trumpete u mit dene mordstonner Vibrato... u das findi eifach huere geil. Es isch o kitschig wiene Sou, aber ´s gfaut mr." Sorry - aber ein solcher Satz lässt sich nicht ins Schriftdeutsche übersetzen.
Dann landen die beiden bei Mineral und Kafi bei der Enstehungsgeschichte des sechsten Patent Ochsner-Albums. Was beim ersten und zweiten Anhören spontan als "Meh Dräck" interpretiert werden kann, eine gewisse Rohheit, eine Ecke da, eine Kante dort, die nicht lupenrein ausgeschliffen sind, hat auf "Liebi, Tod & Tüüfu" Konzept. Zum ersten Mal habe er nicht über lange Zeit Songskizzen im eigenen Tüftel-Studio aufgenommen, erzählt Büne. Vielmehr habe er Notizen gemacht, gesammelt, geschrieben und erst kurz bevors ins Studio ging seine Ideen auch akkustisch gebannt. "Mit Drumcomputer, Klavier, Gitarre, Bariton-Gitarre, Bass und meiner Stimme habe ich meine Ideen aufgenommen, CDs gebrannt und jedem in der Band verteilt. Alle haben dann wieder ihre Ideen eingebracht, geschaut, was jeder für sich beitragen könnte und wiederum CDs gebrannt für mich - und dann gings direkt ins Studio. Mein Plan war von Beginn weg, gar nicht lange zu proben und die Songs so zu verheizen. Denn sie sind schlicht, die Songs."
Die Gründe für dieses Vorgehen sieht Büne an zwei Orten vergraben. Zum einen, weil er bis zu einem gewissen Grad die Schnauze voll habe von all den überproduzierten Nummern auf dem Markt. "Massgebend war aber, dass ich das Gefühl hatte, die Songs brauchen einfach nicht mehr. Ich habe manchmal den Eindruck, dass Songs, wenn man hier und da und dort dran rumbastelt, quasi die Kanten verlieren. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Produktion. Vielmehr gehts da um eine Haltungsfrage. Plötzlich werden die Songs zu geschliffen - und das wollte ich vermeiden." Und so kommts, dass es im "Blues" plötzlich fast blecht, wie auf einer Vinyl-Scheibe und dass die Tuba mit einem Charme den Boden bläst, wie er im Jahr 2005 kaum mehr je auf CD gebannt wird. Gefragt, worauf diese Angst vor dem Abschliefen seiner Songs fusse, gibt Büne schliesslich unumwunden zu, dass dies vor allem mit Erfahrungen mit Patent Ochsner zu tun habe. Wohl habe es Momente gegeben, in denen die Songs mit ständigem Überarbeiten auch tatsächlich besser geworden seien. "Es kam jedoch öfter vor, dass ich tief in mir den Bezug verloren habe."
Dann wandert das Gespräch in Richtung Szene. Und sofort macht Büne wieder klar, dass er seinen Platz im Mundart-Olymp sehr wohl kennt. Gefragt, ob er einen - notabene gesunden - Druck von all den jungen und aufstrebenden Mundart-Bands spüre, kontert er keck und mit einem Grinsen: "Wenn wir die Sache wirklich sportiv betrachten, ist die Realität doch die, dass diese Bands sich gegen uns druchsetzen müssen, und nicht umgekehrt." Trotzdem: Die nationale Szene zu beobachten sei sehr spannend für ihn, erklärt Büne. Auch wenn bisweilen Schrott rauskomme, so bringe die Schweizer Musikszene doch immer wieder sehr interessante und spannende neue Acts hervor. "U das isch doch geil, oder, wenn das imene Land inne passiert."