Das musikalische Feuerwerk von Ray Wilko
Wir haben schon 2002 auf dem Gurten gespielt“, sagt der Berner Ray Wilko nach seinem Konzert auf der Waldbühne, „und zwar am Samstag um zwölf Uhr auf der Mainstage.“ Es sei auch damals cool gewesen, aber die Mittagszeit sei einfach zu früh für eine Rockband. Er spiele lieber auf einer Nebenbühne und dafür dann, wenn die beginnende Nacht zum Tanzen und Feiern einlade. Das sei die Zeit für seine Musik. Und übrigens findet Ray die Waldbühne eine lässige Institution. Die zahlreichen Festivalbesucher sehen dort ein farblich abgestimmtes Bühnenbild: Die Musiker sind schwarz oder rot gekleidet und Ray trägt zu seinem roten Hemd einen Anzug in knalligem Hellblau. Er gilt sowieso als modisches Unikum in der Musikwelt und seine auffallenden Brillen sind schon fast legendär. Der Bandname auf dem Banner findet man versteckt hinter einem weissen Zebrastreifen. Für den Entertainer ist das Bühnenbild wichtig. Es sei für ihn ein Unterschied, ob man nur irgendwo bei einem Kaffee sitze, oder eben auf der Bühne stehe. Ray habe auch schon Bands gesehen, die musikalisch eine Klasse für sich seien, visuell fehle bei ihren Auftritten jedoch das gewisse Etwas.
Die melodiöse Rockmusik von Ray Wilko und seiner Band sprudelt von Harmonie und Leichtigkeit und wird ausgeschmückt mit leuchtenden Perlen, die einem musikalischen Feuerwerk gleich kommen. Da springt zum Beispiel unerwartet Lesley Meguid, die Sängerin der Band Redwood, auf die Bühne, und singt mit. Sie hat übrigens auch bei den Aufnahmen des aktuellen Wilko-Albums mitgewirkt. Als Schlussbouquet stehen dem Bandtrompeter noch zwei zusätzliche Bläser zur Seite. Da lässt zum Beispiel Till Grünewald mit einem Saxophon-Solo ein musikalischer Sonnenstrahl aufkommen und bereichert das Ganze. Ray findet die Abwechslung sehr schön: „Es „fägt“, wenn es „tätscht“ von hinten und wenn eine neue Farbe dazukommt.“ Musik sei für ihn wie Kunst.
Ray Wilko macht bereits seit zwölf Jahren Musik. Und sie sei für ihn eine Leidenschaft. „Es ist für mich ein Muss“, stellt er fest und umschreibt seine Empfindungen so: „Wenn mir Songs zufliegen und mich beschäftigen, muss ich etwas daraus machen. Es ist für mich, wie eine Pflicht.“ Diese Momente erlebe er an unterschiedlichen Orten und eher, wenn er in einer ruhigen Stimmung sei. Recht häufig geschehe dies in der Nacht, vor dem Einschlafen. Ray hat dadurch einen persönlichen Gradmesser gefunden, und er könne so feststellen, wie gross seine Motivation dafür wirklich noch sei. Er erzählt: „Wenn ich im Bett liege, eigentlich sehr müde bin und mir kurz vor dem Einschlafen plötzlich eine Melodie in den Sinn kommt, muss ich diese festhalten.“ Er gehe dann sein Handy holen und singe die Takte auf das Aufnahmeband, so dass sie nicht verloren gehen. „Aber dafür musst du ja extra aufstehen“, sagt er mit einem Seufzer. Solange er es schaffe, dafür wieder das Bett zu verlassen, solange beherrsche ihn die Musik noch stark genug.
Der Berner Musiker hat bereits einige Alben aufgenommen: Ganz alleine, oder so, dass die Band fast die Rolle der Gastmusiker übernehme, aber auch mit allen zusammen. Das aktuelle Album „You and Me“ ist ein Bandalbum. Ray hat die meisten Songs geschrieben. Als Premiere komponierte der Gitarrist Stoo Oversold zwei Songs, und auch die Frontfrau von Redwood, Lesley Meguid, hat bei einem Stück getextet und singt im Duett mit Ray. Der Titel des Neulings lässt die Frage aufkommen, wer das DU gegenüber Ray ist. „Dass sind alle anderen, so zu sagen der Rest der Welt“, erklärt er seine Gedanken dazu. Und vielleicht sei es für die Musikkonsumenten ja auch ansprechend, wenn im Regal eine CD stehe, wo er sich fragen muss, bin etwa ich mit dem YOU gemeint. Rays Musiker sind seine Freunde, ihre Namen werden im Booklet auf eine künstlerische Art erwähnt. Die Bassistin Reg Fry und der Gitarrist Stoo Oversold spielen seit jeher mit ihm. Der Trompeter und Keyboarder Tommy Knuckles ist auch schon einen Moment dabei und der Schlagzeuger Pit Lee ist das jüngste Mitglied. Es gehe ihnen nicht nur um das Musikmachen, sondern es habe auch einen sozialen Charakter. Ray sagt dazu: „Wir spielen ein wenig Musik und dann lassen wir es uns gut gehen, mit essen und trinken.“
Ray hat bereits eine Amerika-Tour hinter sich und hat in Frankreich ein Album aufgenommen. Musikalisch seien die anderen Länder der Schweiz nicht überlegen, eher mentalitätsmässig. Ray hat folgendes erfahren: „Der Drang dort etwas zu machen ist grösser, da nicht so viele Möglichkeiten wie hier zur Verfügung stehen.“ Uns gehe es ja allgemein viel zu gut. Wir haben Jobs und Ausbildung und so überlege man sich eher, ob man mit der Musik überhaupt weiterfahren solle, wenn es nicht gut laufe. In anderen Ländern lebe der Mensch viel bescheidener als wir. Der Berner Musiker dazu: „Wenn du dort etwas hast, was du gut kannst, dann machst du es genau. Glaubst daran und ziehst es durch - mit deinem ganzem Herzblut.“ Der Durchhaltewille sei der grosse Unterschied gegenüber dem Ausland, dieser Unbedingt-Wille gehe bei uns Schweizer verloren. „Das bedingungslose Durchziehen, ob mit oder ohne Erfolg, kennen wir hier zu wenig“, fasst Ray zusammen.
Ray Wilko und seine Band spielen unermüdlich ihre Musik. Trotzdem haben sie den Durchbruch nie ganz geschafft. Ray schmunzelt und zeigt sich doch auch als typischer Schweizer: „Wenn wir alle unsere Jobs schmeissen und alles drangeben, würden wir wohl auch weiterkommen.“ Nicht nur mit dem Erfolg, sondern auch mit dem Perfektionismus auf der Bühne. Ray gehe extrem gerne auf die Bühne. Er sei sich bewusst, was er könne und dass auch Fehler passieren. Aber nur so werde man ja Meister im Vertuschen. Ray Wilko will mit seiner Band das aktuelle Album noch mehr auskosten und Konzerte spielen. „Ende Jahr gibt es dann wieder ein ausgeprägtes Bandessen und dann ziehen wir das Resümee“, weiss er über ihre Zukunft.