Eine Form gesucht und gefunden: Reign of Silence
Text: Debi
Bilder:
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60 Minuten Leidenschaft, eine Stunde knochenharter Metal: Brienzer Metal-Combo Reign of Silence hat am Brienzersee Rockfestival als erste Band am Samstag kurz nach Mittag kräftig die Gehörknöchelchen in Schwung gebracht. Motivation genug hatten Sandro (voc), VanDom (git), Chrigel (drum) und Fugi (git) sowie Sam (bass) und Alex (keys). Als Brienzer waren Sandro und VanDom als Kinder bereits am Festival. Hier wurzelt Frontmann Sandros Leidenschaft für die Musik. „Ich kann mich bestens an Krokus erinnern, die haben 1994 hier gespielt“, sagt der Sänger im Interview. Sein Onkel Marc – Sänger bei Kick Down – nahm ihn mit an den Gig und dem Junge ward klar: „Das will ich - Musik machen!“ Umso schöner das Heimspiel, mit der eigenen Band 13 Jahre später auf derselben Bühne zu stehen, sagt Sandro.
Vor drei Jahren erst haben VanDom und Sandro beschlossen, die Band komplett neu aufzubauen und auszurichten. Und da beginnt die eigentliche Geschichte von Reign of Silence. Der Entschluss, von Grund auf alles anders zu machen, sei urplötzlich gefallen und kein lang geplanter Streich oder geplant, sagt VanDom. Dennoch sei es eine logische Entwicklung gewesen: „Wir haben uns in diese Richtung entwickelt, selbst immer mehr Metal konsumiert und sind so auf den Geschmack gekommen“, erzählt Sandro. Und sie hätten sich auch technisch weiterentwickelt und sich nach den ersten Jahren in Crossover-Manier anspruchsvollerem Sound zugewandt. „Wir haben eine Form gesucht“, fasst der Frontmann zusammen. Heute sind die Brienzer auf der Schiene Metal eingefahren.
Reign of Silence spielen eigene, eingängige Songs. Von Covers distanzieren sie sich; Nachahmen wollen sie niemanden, ähneln erst recht nicht. „Wir wollen unser Ding machen“, sagt Sandro. Und rechnet vor: Auf dem Plateau zwischen Bödeli und Meiringen gebe es „schätzungsweise hunderttausend Bands. Davon spielen 99'999 Covers“. Ein wenig stolz klingt mit in dieser Erklärung: weil die Band „musikalisch gut genug ist, um eigene Songs zu schreiben“. Dass die Brienzer musikalisch breite Erfahrungen einfliessen lassen, erklärt sich leicht: Alex an den Tasten ist Musiklehrer, Sam Sekundarschullehrer mit Nebenfach Musik und Luke war einige Semester an der Jazzschule in Luzern.
Liegt also nahe, dass auch Sandro Erfahrungen gesammelt hat; zu der Zeit, als er bei Nortody als Sänger einsprang. „Nein“, widerspricht er, „da hab ich nichts mitgebracht und auch nichts mit hingenommen.“ Nortody hatte ein fixes Set, das er eingesungen habe. Im Gegenteil: Dass sich ihr Sänger bei einer anderen Band verdingt habe – auch wenns bloss für zwei Konzerte war – habe innerhalb von Reign of Silence zu Differenzen geführt, weil er seine Kräfte habe einteilen müssen. „Und dann war die Leistung nicht mehr dieselbe“, sagt VanDom. Anschliessend erkrankte Sandro an einer Kehlkopf- und Stimmbandentzündung. „Ich bin sehr depressiv geworden und hatte Schmerzen“, sagt er selbst rückblickend. In den gleichen Zeitraum fielen die Aufnahmen für den ersten Silberling der Band, „Orda“. Die hat die Band durchgezogen, knapp die Hälfte der 500er-Auflage ist bereits verkauft. In Eigenregie aufgenommen, gemastert und produziert im Studio von Rudolf Chibi Michel, Mitbegründer des ersten Brienzersee Rockfestivals.
Die Tracks auf „Orda“ erzählen die Geschichte des gleichnamigen Ortes und seiner Bewohner. Eine Metaloper als roter Faden, sozusagen. „Wir haben versucht, Gefühle in die Musik einzubinden“, sagt VanDom. Für ihr musikalisches Schaffen sei das eine Bereicherung – und alles andere als einfach gewesen. Aber Orda ist nicht Brienz, sondern ein Phantasiegebilde, das in den Köpfen der Bandmitgliedern lebt und gedeiht. Und gleichzeitig ein Projekt, dessen Ende längst eingeläutet ist. Unlängst planen Reign of Silence, drei neue Songs für eine EP aufzunehmen, wahrscheinlich sogar mit Gastsänger. Lassen wir uns überraschen. Brienz ist bekannt für gute Stimmen.