DgSH: Seppli siegt – und was kommt jetzt?
Text: Ko:L
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Das Erstaunen war nur einen Moment lang gross, als Sven Epiney Ruedi Rymanns „Schacher Seppli“ als neuen grössten Schweizer Hit bekannt gab. Rasch war man sich in der Maag Event Hall, von wo aus SF das Finale um „Die grössten Schweizer Hits“ gesendet hatte, einig: Rymann ist ein verdienter Sieger. Und wenige Stunden tanzten und feierten ein paar ganz eiserne allen Alters und fast aller Couleur gemeinsam. Zum „Seppli“. Aber auch zu „Frau Küenzi“ oder „Daneli“, „Giggerig“ oder „Für Di“. Es entstand nach dem Ende der (ersten?) Staffel DgSH tatsächlich für einen Moment lang den Eindruck, die Schweizer Musikszene sei ein einzige glückliche Familie und zu dieser Familie gehöre der Musikchef des Staatsfernsehens genauso wie sein Kollege des Staatsradios. Von den Funktionären der Plattenfirmen ganz zu schweigen. Über 1,15 Millionen Zuschauer hatten die Sendung gesehen, 936'000 waren es im Durchschnitt aller sechs Sendungen. „Ich war zwar der älteste in der Runde, bin aber eher auch der Rocker – und Francine als Jüngste kommt von der Volksmusik. So ging ergänzten wir uns alle und das schöne daran ist, dass sich jeder mehrfach vertreten fühlen kann“, sagte Talker Beni Turnheer nach der Show.
Turnheer traft damit den Nagel genau auf den Kopf: DgSH bot für alle ein wenig – aber für niemanden richtig was. Turnheer ist genauso wenig ein Hell's Angel wie Francine Jordi eine Naturjodlerin ist. Auch Medienmogul Jürg Marquard sprach in der Folge von einer „Mischung aus schöner Melodie, gutem Gesang, traurigem und gleichzeitig wieder erheiterndem Inhalt.“ Wohl sprach er von Ruedi Rymanns Sieger, beschrieb damit aber ebenso präzise das Konzept von DgSH. Was die beiden älteren Medien-Herren so wortreich umschreiben, nennen andere „bieder“. Und schon ist damit wieder die Diskussion lanciert, ob es das Schweizer Fernsehpublikum verdient und die Schweizer Musikszene es nötig hat, sich vom Staatsfernsehen solch biedere, gebührenfinanzierte Kiste vorsetzen zu lassen. Ja, müsste wohl die Antwort lauten. Denn so lange keine Konkurrenz zu SF existiert, gibt es keinen, ders in heimischen Landen vormacht. Und mit der selben Kelle anrühren zu wollen, wie RTL oder Pro7 es tun, ist vermessen. Aber: Damit eine heimische Konkurrenz aufwachsen kann, muss sie vom Publikum honoriert werden. Wenn dieses nun aber lieber Sat1 oder VOX ansieht, als private Schweizer Programme, muss es sich nicht wundern, wenn SF ihm auf der Nase rumtanzt...
Nicht verdient hat DgSH die Schweizer Musikszene. Wo war Burrell? Wo war DJ Antoine? Wo war Polar? Wo war Seven? Wo waren Core22? Wo waren Shakra? Wo war Famara? Wo war Weyermann? Wo waren die Young Gods? Wo waren Sektion Kuchikäschtli? Die Liste liesse sich beliebig verlängern... Wohl hat Francine Jordi recht, wenn sie sich dafür wehrt, das Spartendenken bewusst zu durchbrechen. „Das ist Kästchen-Denken; etwas, das die Medien gerne machen. Ich finde, es ist genau der Reiz dieser Sendung, dass alles zusammengewürfelt wurde und jeder irgendwo eine Erinnerung hatte.“ Doch es stellt sich in der Tat die Frage, ob eine allfällige zweite Staffel nicht mit klarer positionierten Sendungen an den Start gehen sollte oder müsste – um eben auch jenen Künstlern eine Plattform zu bieten, deren Musik nicht über Plattenverkäufe als Hit definiert werden kann, die aber trotzdem sehr viel ausgelöst haben. Doch bevor Francine Jordi sich Gedanken über eine eventuelle zweite Staffel von DgSH macht, platziert sie eine klare Forderung: „Natürlich sind jetzt die Radios gefordert, Schweizer Musik zu spielen und zu unterstützen. Am liebsten wäre mir natürlich eine Quotenregelung wie sie in Frankreich existiert. Wobei ich schon zufrieden wäre, wenn die Radios 50 Prozent Schweizer Musik spielen müssten. Es brauchen nicht deren 80 zu sein wie in Frankreich..“
Für Aextra-Sänger Schibä, als Gast im DgSH-Final dabei, war bald klar, warum „Dr Schacher Seppeli“ mit nahezu der Hälfte der Stimmen zum grössten Schweizer Hit gewählt wurde: „Das Schweizer Fernsehen ist zuwenig auf junge Leute zugeschnitten“, sagt er – und fügt an: „Die Schweiz hat weltweit die grösste Dichte an Musikern. Da ist es schlicht nicht möglich, der Szene in nur sechs Sendungen gerecht zu werden.“ Und an die Adresse der Radios gerichtet unterstützt Schibä Jordis Forderung nach einer Quotenregelung: „Unbedingt! Wobei 40 bis 50 Prozent bereits genügen würden.“ Wie es ist, mit jedem Album besser zu werden und trotzdem mehr und mehr vom Radio zu verschwinden, weiss Scream-Sänger Häni nur zu gut. „Aquarium“ war ihr grosser Pop-Hit gleich zum Start. Die Band wuchs, Ecken und Kanten in ihrem Sound zeichneten sich ab – und die Airplay-Präsenz ging zurück. Häni und seine Mannen waren im DgSH-Finale als Showact am Start und präsentierten „Aquarium“ in einem neuen, zeitgemässen und dem heutigen Scream-Sound entsprechenden Kleid. „Eine Plattform wie diese hier ist so extrem wichtig. Von da her gesehen, wünsche ich mir natürlich, dass dieses Format weiterlebt und die Szene pusht, damit auch die Radios aufspringen“, sagt der Frontmann. Bezüglich einer Quotenregelung äussert sich Häni jedoch nicht restlos begeistert: „In Frankreich funktionierts. Aber ich weiss nicht, ob die Musik besser wird, wenn man eine bestimmte Menge spielen muss.“
Rico Fischer, Local A&R beim Plattenmulti SonyBMG hält hingegen nicht viel von einer vorgeschriebenen Quote für Schweizer Musik an den Schweizer Radios – auch wenn er hofft, dass die Industrie als ganzes den Erfolg von DgSH zum Anlass nimmt, sich noch stärker als bisher für das heimische Musikschaffen einzusetzen. Für Fischer ist klar, was es braucht, um mehr Platz am Radio zu kriegen: „Gute Songs und gute Künstler. Qualität wird siegen. Wer mittelmässige Qualität abliefert, wird von der Radios nicht gespielt, was nachvollziehbar ist.“ Wohl beweise Frankreich, dass eine Quotenregelung funktioniere. Aber „einen guten Job abzuliefern“, wie Fischer es formuliert, habe Priorität.
Traditionell sollen hier auch in diesem Artikel noch ein paar Worte zur „Gölä-Sven Saga“ verloren werden; die letzten: Moderator Sven Epiney, in der ersten Show von Kollege Kilchsperger dazu verdonnert, Gölä in die Sendung bringen zu müssen, ging zu Gölä auf die Alp – und Gölä kam dafür ins Studio und spielte seinen „Schwan“ vor – so live, wie SF es erlaubt, aber immerhin neu eingespielt. „Hier war für mich die beste Möglichkeit, mich bei all unseren Fans für ihre Treue zu bedanken“, erklärte Gölä nach der Show unzählige Male in unzählige Mikros. „Ich habe den Frieden geschlossen mit dem 'Schwan'.“ Und die Leute? Schliessen die jetzt Frieden mit Gölä und dem Umstand, dass er kompromisslos seinen Weg geht und macht was er will? „Kaum. Ich glaube, ich werde im polarisieren. Es gibt Leute, die werden mich immer ein Arschloch finden – wie ich sie auch – und andere werden denken 'Isch no e coole Siech' und mit denen hab ich den Frieden. Man muss ja auch nicht jeden mögen auf der Welt.“