Endlich: 2,5 Stunden nur CH-Sound am TV
Text: Ko:L
Bilder:
Kourry K. Kurmann
(Fast) alle waren sie nach Zürich gepilgert, um dabei zu sein, wenn SIE auserkoren wird: DIE Schweizer Hymne, DER grösste Schweizer Hit aller Zeiten. Mittels Internet- und Telefon-Voting hatte das Publikum schon mal 15 aus 50 gemacht. Nun bestand die Aufgabe für das samstagabendliche Publikum des Schweizer Fernsehens darin, aus diesen 15 den Sieger, den Grössten, DEN Schweizer Hit aller Zeiten zu krönen. „Man weiss ja, wie das mit Telefonvotings funktioniert – spätestens seit es das Schweizer Volk geschafft hat, Roger Federer nicht zum Sportler des Jahres 2005 zu machen“, frotzelte Show-Gast Roman Kilchsperger nicht ganz zu unrecht. Und wenn einer Wissen muss, wie sehr das Schweizer TV-Publikum und die Musikbranche an einander vorbeileben, dann er. Schliesslich waren es „seine“ Zuschauer, die zwei Musicstars wählten, wieder verglühten, bevor sie überhaupt angefangen hatten, zu leuchten. Es war Baschi – in der ersten Staffel lange vor dem Finale vom Publikum aus der Sendung geschmissen – der die Generation Musicstar im Pool der grössten Schweizer Hits vertrat.
Prominenteste Abwesende im Reigen der 15 Finalisten waren wohl Plüsch. Mehrfachplatin allein garantiert offensichtlich nicht, dass sich das Publikum nach gut zwei Jahren Albumpause (die Vorausscheidung wurde im Frühling '06 lanciert) noch an einen erinnert. Dass es auch Göläs „Schwan“ nicht in die Top 15 schaffte, ist einigermassen erstaunlich – waren sich doch in der Sendung alle einig: „Das ist der CH-Song der 90er!“, und auch das Fehlen von Gotthard in der Liste der Besten 15 mutete einigermassen seltsam an... Am Abend selber glänzten vor allem Florian Ast (mit „Träne“ im Duett mit Francine Jordi nominiert), Patent Ochsner (nominiert mit „W.Nuss vo Bümpliz“) und Peter Reber (mit „Io senza te“ von Peter, Sue und Marc nominiert) durch Abwesenheit. Ansonsten machten sie alle die Aufwartung: „The Minstrels“, Hazy Osterwald, Toni Vescoli und einige Sauterellen, Polo Hofer mit Komponist Hanery Amman, Maja Brunner, Pepe Lienhard, Marc (aber ohne Peter und Sue), Fernando und dö Röhr als Vertreter von Krokus, Züri West, Mash oder Youngstar Baschi.
Treu nach deutschem Vorbild holte sich Moderator Sven Epiney drei Quasselstrippen in die Sitzrunde – man kennt sich und plaudert gerne, lautete die Devise – um mit ihnen über fast 70 Jahre Schweizer Musikschaffen zu plöiderlen. Das mutete bisweilen ganz witzig an – etwa wenn Beni Turnheer und Roman Kilchsperger über „Beatles versus Stones“ diskutierten oder Francine Jordi über ihre ersten Erfahrungen mit Maja Brunner und später Polo Hofer berichtete. Erfrischend, dass die Witze bisweilen auch die Nähe der Gürtellinie suchten – Thema war wieder einmal Francines Decoltée – und Gäste wie auch Moderator über sich selber lachen konnten. Doch die wirklich kecken Pointen brachten Promis wie Mona Vetsch („Kuno Lauener ist innen wie Sorbet“) oder René Rindlisbacher („Tears sind glaube ich an ihrem eigenen Erfolg zerbrochen“) - und natürlich Chris von Rohr, der einmal mehr kein Grau sondern nur schwarz oder weiss kannte – und sich bisweilen entsprechend spitz äusserte.
Dass die Krone am Schluss ausgerechnet an Polo Hofer mit seinen „Alperose“ ging, gönnte dem Berner Rock-Pionier am Ende des Abends ganz sicher jeder. Doch der hauchdünne Entscheid (Hofer: 12.8% der Stimmen, Ast&Jordi: 12.7% der Stimmen) liess den Verdacht aufkommen, der Televoting-Sympathie-Käfer habe wieder einmal zugeschlagen. „Der Spitalbonus“, war nach der Sendung in den Katakomben des Leutschenbach ab und an zu hören. Mit Mani Matters „Zundhölzli“ auf Rang 3, dem „Kriminaltango“ von Hazy Osterwald auf dem 4. und Mash's „Ewigi Liebi“ auf dem 5. Schlussrang zementierte das Fernsehpublikum am Ende noch einmal das Faktum, dass Schweizer Musik nicht erst sei Polo Hofer bisweilen äusserst gehaltvoll und gleichzeitig unterhaltend ist. Was am Ende bleibt, ist zweierlei Erkenntnis: „Es ist grossartig, dass das Schweizer Fernsehen zur Hauptsendezeit zweieinhalb Stunden ausschliesslich der Schweizer Musik widmet“, stellte QL's Pat fest – und DJ Bobo dürfte sich demnächst als Schweizer Vertreter für den Eurosong Contest bewerben. „Wenn das Schweizer Publikum es wünscht, mache ich mit.“ Trespass schlägt vor: Machen wir doch ein Telefon-Voting...