Gianni Spano - Von Bären und Menschen
Text: Monthy
Bilder: Gianni Spano
Bei Gianni Spano's aktuellem Album "Normal Man" kann man auch von einem Konzeptalbum reden. Erstmal fällt mir aber einfach auf, dass Giannis Stimme extrem dominant über den Sound gemischt wurde. Er scheint direkt hinter der Hörermuschel auf seine Konsumenten zu warten und schmeichelt ihren Ohren in einer sehr persönlichen, ja fast schon intimen Art. "Ja, das war beabsichtigt", bestätigt Gianni meine Wahrnehmung und führt aus, "ich mochte es schon immer, wenn die Stimme so weit vorne ist und trotzdem eine Rockband dahinter steckt. So dass sie nicht praktisch in der Musik versäuft. Dieser Effekt wirkt besonders gut, wenn man sich die CD mit Kopfhörern anhört." Der "Normal Man", also der normale Mensch, ist nicht nur Titelsong sondern auch das Hauptthema des Albums. Ich frage, ob diese Normalität etwas damit zu tun haben könnte, dass ich glaube, die Welt gerate langsam aus ihren Fugen...? Gianni: "Das hat Zusammenhang. Der Text von Normal Man besagt eigentlich, dass die Geschichte der Welt an sich von ganz normalen Leuten gemacht wird. Leute, die nicht vorneweg gehen, aber das Ganze im Guten wie im Schlechten erst möglich machen. Es gibt eine Stelle im Text, die sagt, er habe keine Pläne, werde wohl nichts mehr dazulernen. Aber er wählt die Präsidenten und macht die Stars."
Ein Blick auf die ersten Songtitel lässt annehmen, dass "Normal Man" ein sehr nachdenkliches Album geworden sei. Songs wie "I'm going out on Sundays", "Time passes slowly when you're gone" oder "Tomorrow is a working day" versprühen ja nicht gerade Esprit und Festlaune. Wenn man die Songs dann aber hört, wird diese Schwere von kleinen, leichten Effekten durchbrochen und bietet genau so viel zum Schmunzeln wie zum Tränen verdrücken oder leer in die Welt zu starren. Eine Veränderung im Vergleich zum ersthaften Singer/Songwriter-Rock, den Gianni sonst macht... Gianni: "Das war dann auch für mich eher überraschend und nicht unbedingt so gewollt. Es ist einfach so heraus gekommen und ich bin froh, dass es so ist." Es passt halt eben sehr gut zur Stimme, werfe ich ein und erwähne die bisher dominanten Referenzen Bob Dylan und die Beatles. Das sei ja dann wirklich nicht zum Lachen... Gianni nimmt den Faden auf: "Es ist definitiv relaxter als der frühere Sound. Aber es ist auch nicht immer zum Lachen... Die Titel sind ja nicht dramatisch, aber das entspricht dem Konzept des normalen Menschen." - Im Leben wird quasi alles weniger heiss gegessen als gekocht...
Bei der nächsten Frage spielt mir mein Gedächtnis und die Tatsache, dass ich sehr viele CDs reviewe einen kleinen Streich. Vor einiger Zeit hatte ich die Spano-Single "Pearls before Swine" bearbeitet. Daher lasse ich mich nun in die Irre führen, "Normal Man" sei auch ein bisschen ein Sammelalbum - eines also, dass man am besten im Frühling macht, wenns ums Putzen geht. Aber Gianni hat keinen Frühlingsputz gemacht... - "Die Single ist übrigens nicht so böse gemeint, wie man es annehmen könnte. Ich habe sie letzten Oktober als Einzelsong auf die Menschheit los gelassen." Darin geht's überspitzt formuliert übrigens darum, dass Songs fürs Radio zu schreiben, Perlen seien, die vor die Säue geworfen würden. Meine Sammelalbum-Idee hat auch noch einen zweiten Grund. Als Bonus-Track wird nämlich ein Mundart-Song von Gianni Spano ausgewiesen, der zum Anlass der Eröffnung des neuen Berner Bärenparks entstand. Im Text gibt es auch Passagen, die sich auf den alten Bärengraben beziehen, der unserem Wappentier viel zu lange als Behausung zugemutet wurde. Wenn Gianni dies nun singt, kann er sich immerhin damit trösten, dass es dem Tier jetzt gut geht. Aber sind im beim Schreiben nicht fast die Tränen gekommen? - Gianni: "Ich habe effektiv überlegt, ob ich nicht einfach etwas Feierliches und Festliches machen will. Aber ich hatte schon immer Mitleid mit den Bären in diesem Betonverliess und deshalb ist der Text einfach so gekommen. Es ist nun vielleicht nicht so ein fröhlicher Text, auch musikalisch eher eine Ballade." Dem Thema abschliessend gerecht geworden, nenne ich das.
Erstaunt hat mich aber schon, dass Gianni Spano nun offenbar zum Berner Vorzeigekünstler geworden ist. Wie kam er zum Bärensong? - "Ich bin ja eigentlich Berner... geworden", stellt der italienisch und englisch singende Barde richtig, "...nur merkt man das meinem Namen vielleicht nicht an. An und für sich hatte ich bis dahin nur gerade zwei oder drei Dialekt-Songs publiziert auf alten CDs. Für den Bärenpark hatte ich das Gefühl, das passe dann so. Wir wurden mit anderen Künstlern zusammen engagiert und haben zu zweit akustisch aufgespielt." Bei den grossen Mundartkünstlern musste Gianni dafür zwar nicht abschauen, aber ganz einfach ist der Sprachenwechsel auch wieder nicht. "Ich müsste viel dazu lernen, um das Level eines Kuno oder eines Polo zu erreichen. Aber ich denke, der Song kann sich durchaus hören lassen", beschliesst Gianni unser Gespräch zu meinem Nicken und muss sich vor dem Auftritt im ONO, Bern auch noch hurtig verpflegen.