Starch - Eine Band wird zur Marke
Text: Monthy
Bilder: Starch
Es ist ja nicht gerade normal, dass eine Band mit dem Release eines neuen Albums einen neuen Musikstil begründet. Obwohl nun diese in den Raum gestellte Behauptung vielleicht etwas gar kühn ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der erste Eindruck, den man von Starchs Zweitalbum erhascht, ein ungewohnter ist. Starch bewegen sich im Spannungsfeld von Hiphop, Funk, Jazz und Rock. Was sie aber daraus machen, passt nirgendwo wirklich in die Schublade. Vielleicht heisst das Album deshalb schlicht "Music"... Oder haben sich Starch gleich selbst ins musikalische Niemandsland komponiert und fanden schliesslich keine Bezeichnung dafür? Sänger und Bassist Simon gibt zu, dass eine Einteilung selbst den Bandmitgliedern schwerfällt: "Wir haben uns aber schon noch überlegt, wie wir das Ding nennen sollen. 'Music' passt relativ gut, weil es eigentlich genau darum geht. Um Musik ohne Einschränkungen... Wir sind relativ offen in dieser Hinsicht. Der zweite Grund ist unsere Singleauskopplung, die 'Good Music' heisst. Insgesamt ist es so etwas wie unsere Liebeserklärung an die Musik. Es beschreibt unser Verhältnis zur Musik, die im Gegensatz zu anderen Beziehungen viel konstanter ist - jedenfalls bei den meisten von uns..."
Schubladisierung ist ja nun ein Begriff, der sehr negativ belastet ist. Man wird eingeteilt, aufs Wesentliche reduziert... Die andere Seite ist aber doch, dass man mit einem klaren Musikstil in einem Wort ausdrücken kann, was man genau macht. Ob das nicht manchmal praktisch wäre, lautet meine Frage an Rapper Chris - "Eigentlich nicht. Das Ziel jeder Band muss eigentlich sein, einen eigenen Stil zu kreieren. So dass der Hörer, wenn er drei Töne gehört hat, weiss, dass ist Starch... Dort wollen wir hin mit unseren sieben Leuten. Wenn die übrigens alle ihre Ideen und Einflüsse einbringen, ist ein eindeutiger Musikstil und eine Einteilung sowieso eine Utopie..." Den Musikstil, der die Band vollkommen korrekt bezeichnet, gibt es allerdings schon - nur ist es eine Bezeichnung, die momentan noch mehr bandintern kursiert. Dort spricht man von "Starchmusic". Wenn man dies nun noch der breiten Öffentlichkeit vermitteln könnte, hätte man das Ziel schon erreicht, spinne ich den Faden. Simon nimmt noch einen Anlauf, Starch mit einem Beschrieb nahe zu kommen: "Unsere Musik ist sehr energetisch, kommt eigentlich vom Live-Bereich her. Echt gespielte Musik auf echten Instrumenten, irgendwo in einem Bereich Groovemusik, die auf Funk basiert und eine Attitüde mitbringt, die man mehr aus Rock und Hiphop kennt."
Ich wechsle die Perspektive und frage nach, ob man mit dem Titel eventuelle auch ausdrücken wollte, dass die Experimentierfreude, die Starch an den Tag legen, trotzdem immer noch in Musik mündet und nicht avantgardistische Kunst sein will. Immerhin verbinden die jungen St. Galler den jungen Rap mit der altertümlichen Bigband-Musik und lassen sich auf allerlei Experimente ein. Chris: "Wir bedienen uns halt in jedem Bereich, der uns gefällt. Musik begleitet uns schon unsere ganzen Leben lang und wir haben es uns angewöhnt, alles mitzunehmen und in einem eigenen Kontext wieder einzubringen." Die vielen Möglichkeiten von Starch sind auch ein Resultat der grossen Band. Das siebenköpfige Lineup entspricht quasi einer Rockband mit Bläsersektion, was heutzutage an sich so ungewönlich nicht ist. Wie glücklich sind Starch mit der "Familiengrösse"? Simon: "Man sagt ja, dass es ab mehr als vier Leuten kompliziert wird. Und das hat schon was. Wir sind besonders glücklich darüber, dass eine so grosse Band wie wir über zehn Jahre Bestand hat und irgendwie funktioniert. Wir wohnen sogar zusammen, sind ständig gemeinsam auf Tour und verbringen darüber hinaus auch noch unsere Freizeit miteinander. Demgegenüber gibt es Bands, die schon zu viert ständig Stunk haben. Das ist auch ein bisschen Glückssache. Wir sind sehr froh über unsere Masse und Zusammensetzung, weil wir eben auch gern neue Sachen ausprobieren und uns keine Grenzen setzen lassen. Sieben Gehirne geben natürlich da mehr her als zwei, drei. Der Eindruck wird aber eigentlich von den Bläsern noch verstärkt. Sie sind sowas wie eine Band in der Band und geben dem ganzen einen etwas eigenen Charakter. Verzerrte Gitarren und Bläser in einem Song sind ja schon fast ein No-Go..." Allerdings sind Starch da nicht die ersten. Es gab in den Neunzigern schon eine Band, die trotz hartem Charakter mit Bläsern angetreten ist: Dog Eat Dog... Simon: "Im Crossover war das gang und gäbe, stimmt..."
Text 4Besonders faszinierend finde ich, zumal wenn man das Album schon drei-, viermal gehört hat und sich mehr den Details zuwendet, dass stärker als bei sonst einer Band, die ich bisher gehört habe, bei Starch Individualisten am Werk sind, die sich zu einer Band zusammen finden. Jedes Bandmitglied drückt mit seinem Spiel aus, dass es vollwertiger Teil der Band ist. Manchmal hat man das Gefühl, der eine oder andere improvisiere plötzlich, ohne aber die anderen damit zu stören. So ein "He, ich bin auch noch da!", gibt den Songs oft den letzen Kick Freiheit und man spürt förmlich wie die Fesseln, denen sich andere zu oft unterwerfen von den Musikern genauso wie vom Hörer abfallen. Chris: "In all den Jahren, die wir zusammen Musik machen, hat sich in den Köpfen so etwas wie ein Starch-Sound gebildet. Das sind einige Grundcharakteristika, die unser Sound haben muss. Darüber hinaus wird das Individuum aber nicht eingeschränkt sondern gefördert. Und so bringt der eine dann eben dieses Jazz-Lick ein, das unerwarteterweise perfekt zum harten Rockbeat vom anderen passt. Ich glaube auch, dass man so eben weiter kommt..." Simon regt an: "Es gibt heute sowieso nichts vollkommen Neues mehr, sondern nur noch neue Mischungen..."
Die Jungs wohnen übrigens tatsächlich zusammen in einem Hotel. Und für Songwriter-Sessions ziehen sie sich schon mal in eine französische Mühle zurück - wie wichtig ist diese eingeschworene Truppe fürs Endprodukt wirklich? Simon: "Ist schwierig zu sagen... Dass wir zusammen wohnen, hat sicher mal den Vorteil, dass wir den Moment besser festhalten können. Wenn jemand eine Idee hat, kann er schnell die Band zusammen trommeln. Vielleicht kommt die Idee auch gleich, wenn wir zusammen einen Film schauen. Dann muss man eben keine Telefonlawine auslösen, sondern kann das ganze gleich spontan besprechen. Das sind sicher Vorteile, aber wir können nicht sagen, dass wir mehr arbeiten als andere..." Das Thema im Haus ist also vor allem - Starch... oder eben gerade nicht? Chris: "Doch und das war schon immer so. Auch früher haben wir uns mindestens zweimal täglich untereinander ausgetauscht, wenn auch nicht alle zusammen, sondern oft bilateral. Es geht ja nicht nur um den Sound, sondern auch noch um einen Menge Details. Wie soll das Cover aussehen, wie geht's mit der Homepage weiter? Und so fort..." Auch das ist also wieder wie in einer Beziehung - es geht nicht nur um Sex... und Kommunikation ist alles!