Starch – Im Prinzip Kartoffelstock
Text: Monthy
Bilder: Monthy/Andrea
Bands mögen es normalerweise nicht allzu sehr, wenn man sie mit anderen Bands vergleicht. Nun sitze ich also in Jonschwil mit einer Band, die tönt wie eine Mischung aus Franz Ferdinand, Morcheeba und Los Delinquentes. Nach einem Blick in vier lächelnde Augen entschliesse ich mich, für einmal fünf gerade zu sein und wage den Vergleich. Sänger und Gitarrist Simon lächelt weiter: "Da hast du aber gut zugehört. Ein bisschen britisch, auch ein bisschen amerikanisch à la Red Hot Chili Peppers. Dann der Hiphop und die Bläser. Anzufügen gäbe es auch noch The Roots, James Brown oder Jamiroquai. Das sind so unsere Lieblingsmusiker und die fliessen mit in unseren Sound ein."
Das aktuelle Starch-Album datiert aus dem letzten Sommer und nennt sich "Freak City". Sieht man die Jungs auf der Bühne, kommt einem deshalb unweigerlich der Gedanke, dass sie selbst auch ein bisschen Freaks sind. Saxophonist und Rapper Chris stimmt dem zu: "Während der Arbeit zu diesem Album artete es regelmässig in schrägen Ideen aus. Wir hatten eine tolle Zeit im Studio mit unserem Produzenten. Dabei entstand auch der Ausdruck, weil es dann jeweils hiess: 'Sind wir hier eigentlich in Freak City? Sind alle ein bisschen durchgeknallt?' Auch darauf bezogen, ob das, was wir da machen, überhaupt jemanden interessieren kann"
Deswegen ist das Album aber nicht etwa zum Witz verkommen. Der Kontext besagt, dass "Freak City" ein musikalischer Mikrokosmos ist, in welchem Starch all ihre Stile und mehr verschmelzen. Davon beherrschen die Jungs einige. Simon: "Das Bild dient uns dazu, alle Elemente immer wieder unter einen Hut zu bringen. Es ist relativ schwierig einen roten Faden zu erhalten. Die Platte war fast ein bisschen verzettelt. Und dieser Mikrokosmos 'Stadt' war genau das Bild, das uns erlaubt hat, unsere Vielfältigkeit trotzdem auszuleben." Das Bild ist durchaus plastisch zu sehen, wie Simon weiter ausführt: "Du läufst durch eine Stadt, siehst an einer Ecke eine Hiphop-Band spielen, an der nächsten eine Rockband. Zwei Strassen weiter tanzen einige ausgelassen auf der Strasse… Das urbane, partymässige Durcheinander entspricht den verschiedenen Stilen, die wir zusammen mischen."
Wie schon Kollege Maurus im Review bemerkt hat, ist das Stilspektrum der Ostschweizer Band schlichtweg bemerkenswert. Latin, Ska, Funk, Hiphop, Indyrock… Die Liste liesse sich fast beliebig erweitern. How come? Chris: "Erstmal danke… Wir sind sieben Musiker, die seit zehn Jahren zusammen spielen und jeder einzelne von uns hat einen anderen Background. Einer kommt mehr vom Jazz, der andere aus dem Rock. Ich höre mehr Hiphop, Ragga und solche Sachen. Jeder bringt seine Musik mit in die Songs ein. Wir schreiben sie oft gemeinsam. So entsteht also beispielsweise ein Rock-Song und ich mache einen Rap darüber. Dann findet jemand, ein Latin-Hook wäre hier passend. So entstehen diese Songs mit dem typischen Starch-Charakter, die auch nur deshalb funktionieren, weil wir sie zusammen erarbeitet haben."
Dabei wird viel ausprobiert, woraus ich schliesse, dass die Entwicklung nicht abgeschlossen ist. Simon: "Die wird nie abgeschlossen sein. Wenn man als Band weiterkommen will, ist man eigentlich immer auf der Suche nach dem eigenen Sound. Nach Perfektion. Bei uns ist es so, dass wir experimentieren müssen, um dorthin zu kommen. Früher waren wir einfach eine Funkband unter tausenden. Also haben wir unseren Sound zu verändern versucht. Danach hat er sich von allein ergeben. Und für eine Band ist der eigene Sound praktisch der Grund für die Existenz."
Für Aussenstehende tönt diese Experimentierfreudigkeit nun vielleicht etwas vage. Also frage ich, wie wohl sich Starch in einem Stil fühlen müssen, um diesen mit in ihre Musik zu integrieren… Oder ist das dann doch viel sponaner? - …: "Spontan. Du bist als Musiker ja immer mit den verschiedenen Stilen konfrontiert. Du hörst sie, interessierst dich für gewisse Bewegungen. Das fliesst dann automatisch ein. Wir gehen nicht so vor, dass wir einen Stil einfliessen lassen wollen, weil er zum Beispiel gerade hip ist. Das würde bei uns nicht funktionieren. Wenn sich jemand zu einem Stil hingezogen fühlt, entwickelt er auch Ideen damit." Simon fügt dazu an, dass es eine sehr spielerische Sache sei: "Wir können zum Beispiel gar nicht richtig Latin spielen, niemand kommt vom Salsa her. Also nehmen wir einfach etwas, wenn es uns gefällt und machen es zu einem Teil unserer Musik."
Stilmix in dieser Form tönt sehr modern und ist besonders anspruchsvoll. Besteht nicht die Gefahr, dass man sich dabei verzettelt? Simon: "Bei uns nicht. Wenn jemand findet, früher sei es cooler gewesen, als wir mehr wie James Brown getönt haben, dann mag das für ihn stimmen. Aber für uns nicht. Wir sind Starch und die Leute sollen an unsere Konzerte kommen, weil sie Starch hören wollen. Für unser Soundverständnis stimmt das. Wir ergänzen uns mehr als dass wir uns verzetteln." Zum Schluss erlaube ich mir, ein Gedankenspiel mit dem Bandnamen anzustellen. "Starch" ist ein Ausdruck aus der Nahrungsmittelindustrie. Es bedeutet Stärke, also der kohlenhydrathaltige Hauptbestandteil von Kartoffeln, Reis, Getreide oder Mais. Im Prinzip ist das, was Starch machen also: musikalischer Kartoffelstock. – Simon: "Das passt doch: Du stehst am Morgen auf, isst einen Teller davon und hast danach Kraft für den ganzen Tag…"