The Catamaran‘s musikalischer Törn durch den Wald
4.7.2011/Text: Sandy, Bilder:
ck-photo.ch
„Das Schicksal ist nie bewusst“, sagt Sänger Saul de Angelis nach dem Konzert am Woodrock-Festival nachdenklich zu seinem ungeplanten musikalischen Werdegang. Vor langer Zeit sass er noch hinter dem Schlagzeug und lebte dort seine Leidenschaft aus. An das Mikrophon kam er komischerweise gerade durch seinen Drum-Lehrer. Dieser habe ihn an einer Party singen gehört. Bei der nächsten Lektion sagte er zu seinem Schüler: „Ich gebe dir keine Stunden mehr. Du solltest singen und nicht Schlagzeug spielen.“ Das war der Anfang seiner Gesangskarriere. Geprägt hat den Italo-Berner auch seine Zeit in New York. Er sei in die Grossstadt gereist, weil er das kleine Bern für einmal gerade satt hatte. „Ich wollte mir mein Spektrum öffnen“, analysiert er den Grund seiner Reise. Die verschiedenen Kulturen und die andersartigen musikalischen Facetten haben ihn bereichert. Unter anderem auch der Kontakt zur Jazz-Musik. Das Lernen des New Yorker Gassenenglisch war ein weiterer Lerneffekt. Darum singt Saul mit The Catamaran nun Englisch und nicht mehr in seiner italienischen Muttersprache, wie bei seiner früheren Band Secondo.
Mit The Catamaran hat Saul de Angelis nicht sein Ziel erreicht, sondern es sei erst der Anfang des Weges dorthin. „Ich habe nach der Auflösung von Secondo einen neuen Horizont gesucht und diese Musiker da gefunden“, sagt er und ergänzt dankbar: „Ich habe das Glück gehabt, genau die Leute zu treffen, die sich Inspirationen aus meiner Jugend-Musik aussuchen, und daraus neue Songs schöpfen.“ Saul’s Idole sind Bands wie The Doors oder Queens of the Stone Age. Mit der neuen Zusammensetzung ist im Mai 2011 das erste Album mit dem einzigartigen Titel „51 ¼“ erschienen. Um nicht allzu grosses Kopfzerbrechen zu bereiten, lösen wir das Rätsel dieser Zahl bereits auf. Es ist schlicht und einfach die Zeitdauer ihres musikalischen Schaffens auf CD.
Gitarrist Nicolas Python erinnert sich sehr gut an die intensiven und nervenaufreibenden Aufnahmen. Die Lieder komponiert hat Saul zusammen mit dem anderen Gitarristen Philipp Jakob. Nicolas war dafür verantwortlich, dass das Gitarrenspiel harmoniert und eine Welt bildet. Er weiss: „Man hört sehr viele Emotionen heraus. Nicht nur durch die Stimme von Saul, sondern auch durch das Losbrettern der Gitarren.“ Auch wenn behauptet werde, es habe zu wenige Verzerrungen darin, sei die Identität, wie die Gitarren gespielt werden, sehr stark. Genau dann, wenn ihre Musik zu ruhig wird, fangen sie an lauter und intensiver zu werden. Getextet hat Saul. Seine Botschaften seien persönlich oder sozial und für ihn sehr wichtig. „Wenn du einen Song-Text schreibst, hast du deine Ideen, was dahinter steckt“, weiss er. Es stehe aber jedem frei, selber zu entscheiden, was er daraus interpretieren will. Zu erfahren, was andere verstehen, sei immer sehr spannend.
Die Songs von The Catamaran sind nicht stur drei Minuten lang. Nicolas sagt ohne jede Mimik: „Konventionen haben noch nie eine Rolle gespielt.“ Auffallend war während ihrem Gig am Woodrock, dass oft pausenlos von einem Song zum andern übergegleitet worden ist, und das Publikum so gar nicht zum Klatschen kam. „Für mich ist ein Konzert ein Film“, sagt der Gitarrist. „Ich will nicht Stück um Stück spielen und jedes Mal unterbrechen“, gibt der Mann im schwarzen Kapuzenshirt zu. Wenn man sich einen Film anschaue, werde die DVD auch nicht nach jedem Kapitel gestoppt. „Erst wenn du den ganzen Film erlebt hast, kannst du klatschen“, sagt Nicolas. Bereits Pink Floyd haben ihre Songs bewusst in die Länge gezogen. „Du musst zuerst in den Song reinkommen, bevor du überhaupt Emotionen empfinden kannst“, weiss der Musiker weiter. Diese Zeit sei wichtig. „Zeit zum Abwarten, bis etwas Energiegeladenes passiert und dann geht die Stimmung wieder zurück in die Erholungsphase“, beschreibt er den Ablauf. Sehr vergleichbar mit dem Leben. Ein Live-Konzert sollte sich darin auszeichnen, dass man die ganze Geschichte von A bis Z miterlebt. Saul macht auch einen Vergleich, nicht zum Film, sondern zum Theater. Auch dort werde nicht unterbrochen.
Übrigens ist auch ihr Album eine Muse, die fortlaufend inhaliert werden muss. Der Sänger erinnert sich an das schönste Kompliment, das er für „51 ¼“ erhalten hat. Ein Kritiker habe zu ihm gesagt: „Die CD musst du vom Anfang bis zum Schluss anhören. Es ist eine ganze Verbindung darin. Da kannst du nicht nur einzelne Songs heraus skippen.“ Genau dieser Zuhörer habe die Musik von The Catamaran verstanden. Die Reihenfolge der Songs sei so arrangiert, dass sie zueinanderpassen. Energieunterbrüche passieren genau dann, wenn sie auch gleich wieder von einer Eskalation weitergezogen werden in das nächste Stück. Das sei alles überlegt. Der Catamaran-Sound hat sehr wohl etwas mit Segeln zu tun. „Ja, es ist zutreffend“, sagt Saul lachend. Es gebe passende Bilder, die während dem Komponieren entstanden seien. Die beschreibt er so: „Wir haben uns vorgestellt, wir seien auf einem Meer. Die Sonne scheint, das Wasser ist ruhig. Plötzlich kommen die Wolken und werden immer dunkler. Der Wind bläst stärker und auf einmal kommt der Sturm.“ Genau so ist ihre Musik. „Wir haben Höhen und Tiefen, ruhige Atmosphären und plötzlich geht es extrem ab. Es wird lärmig, aber immer noch mit einem gewissen Sprutz von Melancholie“, malt Saul mit Worten weiter. Nicolas wird noch philosophischer: „Dabei wird das Segelschiff quasi fortgenommen. Es geht nur noch um das Empfinden des Wetters.“ Das Bild des Katamarans zwinge die Leute dazu, Gedanken an ein Schiff zu haben. Darauf sind die Musiker und lassen sich treiben. Doch nicht das Boot ist die Antriebskraft, nein, es sind die Wellen, die Sonne und vor allem die Emotionen.
Übrigens ist die CD „51 ¼“ von The Catamaran einen Kauf wert. Nicht nur musikalisch, sondern, weil es wohl physisch sonst kein so schweres Album gibt. Saul und Nicolas entscheiden sich, nicht zu verraten, welches Material darin so gewichtet. Die Schwere soll einmal mehr ihre Musik widerspiegeln. Schliesslich werde sie über dreissigjährige Verstärker gespielt. Das Schlagzeug sei riesengross. Ihr Sound töne auch ohne Verzerrungen sehr schwer. Das Layout vom Album sei alles Handarbeit, wie eben auch die analog abgemischte Musik. Jede CD wurde sogar eigenhändig zusammengebaut. Saul gibt uns dazu doch noch ein Rätsel auf: „Die Schwere des Albums hat ihre Botschaften.“