The Beauty of Gemina - Die Schönheit der Zerstörung
Text: Piggy
Bilder: Piggy/Romy
Zwei Fragen plagen mich hauptsächlich, als ich meinen heutigen Palast, das in der dunklen Szene allseits beliebte Limmathaus Palais X-Tra, betrete: 1. Wer ist diese Gemina und 2. Was hat sie, was ich nicht habe? Dass da etwas sein muss, ist absolut klar. Oder hätte sich sonst eine Band nach ihr benannt? Wohl kaum... Ein Ende meiner nagenden Qual ist etwa eine halbe Stunde nach dem imponierenden Auftritt der St. Galler in Sicht, als sich Leadsänger Michael Sele zu mir setzt. Ich frage ihn erstmal, ob ich ihm denn überhaupt gefalle, merke aber gleich, dass die Jünger von Gemina in Sachen Schönheit wohl keinen Mangel leiden. Wer nicht will, der hat schon! Als ich meine zweite Frage stelle, ernte ich dann doch ein Lächeln von meinem Gegenüber. Obwohl er sich zur Schau ein wenig windet, gibt er mir sodann das Geheimnis der namensgebenden Schönheit bekannt...
"Gemina ist in dem Kontext, als 'The Beauty of Gemina' eigentlich eine Fantasiefigur. Aber sie war eine reale Figur, und zwar die Schülerin des Philosophin Plotin - und seine Muse. Dann muss sie wahrscheinlich schön gewesen sein. Das ist ja das Inspirierende daran." Michael selbst wird allerdings nicht primär von Schönheit inspiriert. - "Ich arbeite gerne mit Gegensätzen. Cäsar als Beispiel nannte seine zerstörerischste Legion die Gemina-Legion. Was heisst Ästhetik, was heisst Schönheit? Damit spiele ich natürlich musikalisch und auch in den Texten. Es hat diese schönen Balladen darauf, Industrial, schwere Themen. Und von dem her hoffe ich, das es die Leute auch inspiriert, für sich zu definieren, was für als schön oder positiv befinden." 'Darauf' meint übrigens auf der aktuellen TBOG-CD "Diary of a Lost", die an diesem Abend im X-Tra offiziell uraufgeführt wurde.
Der Anlass war also feierlich und die Leute im Palais auch dementsprechend gekleidet, was ja aber auch wieder nichts Neues ist. Mein der Dunkelheit der üblichen Verdächtigen angepasstes Outfit vermochte gegen all die Tüll-Röckchen, Latex-Tops und Schlimmeres kaum anzukommen. The Beauty of Gemina haben Industrial und die Tiefen der Seele auch verinnerlicht, was sich in einer kühlen, teilweise fast statischen Bühnenshow äusserte. Ich frage nach, ob denn die Gefahr bestehe, den Eindruck der Musik mit allzu vielen Gesten zu zerstören? "Das ist eine gute Frage", verschafft sich der Blondschopf etwas Zeit, "Man muss einen guten Weg finden. Eine gewisse Publikumsanimation würde fehl am Platz wirken. Es würde dann auch irgendwie paradox, wenn ich einen Song über Suizid singe und diese Geschichte glaubhaft rüber bringen will. Man muss schon offensiv zum Publikum sein, aber eine Polonaise wird es bei uns sicher nie geben. Trotzdem wollen wir die Leute natürlich unterhalten, es ist ja auch Entertainment."
Für mich als drinnen sitzende, aber eigentlich Aussenstehende ist es ganz interessant zu eruieren, ob man den Leuten mit all dem Schwarz-Weiss, dem Schweren und den Tiefen der Seele nicht fast zu viel zumutet? Oder wissen die das irgendwie positiv umzusetzen? - Michael sinniert: "Die Szene nimmt das auf ihre Art auf. Das sieht man auch daran, wie sich die Leute bewegen. Ich habe auch von der Bühne her das Gefühl, sie sind voll da, sind aktiv und doch auch irgendwie erschlagen vom Ganzen. All diesen Eindrücke lassen das Partygefühl schon irgendwie nicht aufkommen. Für mich ist es so aber auch stimmig."
In der Zugabe zeigen TBOG auch Visuals mit Bildern, die man vielleicht lieber nicht sehen will. Wie wichtig ist das für den künstlerischen Ausdruck und - wenn auch stumm gefragt - wo hört es auf? - "Dieser Song 'Love/Hate' thematisiert Terrorismus und ist in der Zeit entstanden, als in London die ganzen Ereignisse vor sich gingen. Ich war damals gerade dort und es hat mich sehr inspiriert, dieses Thema auf meine Art umzusetzen. Obwohl ich dabei textlich nicht zu plakativ sein wollten, versuchten wir den Leuten diese Ebene über die Bilder doch noch zu geben. Worum es wirklich geht. Das sind ganz sicher ungeschönte Bilder. Wir wollten sie neutral halten. Generell Terrorismus, Gewalt nicht pro west oder ost. Wie Präsident Bush am Anfang sagt, dieser Krieg habe gerade erst begonnen - was will man da noch sagen...?"
Und ausgerechnet ihn jetzt via Song auch noch zu promoten ist nicht kontraproduktiv? Zieht er sich selbst genug ins Lächerliche? - Michael: "Es ist ja Horror, wenn er das sagt. Das macht einen ohnmächtig. Wir haben dazu nun bewusst Bilder gesucht, etwa das Mädchen auf der Schaukel ... Das Gedankengut des mächtigsten Mannes der Welt setzt sich bei den Kindern ja bereits fort. Es geht in dem Text nicht gegen Amerika oder gegen die Person Bush, aber gegen diese Ideologie und dass wir heute nicht einen Schritt weiter sind. Das Thema beschäftigt uns und als Künstler möchte ich dazu auch Stellung nehmen."
Bei Industrial und Electro denkt man tendenziell immer an komplizierte Musik. Während des Konzertes bemerkte meine Fotografin und begleitende Expertin Romy aber, es sei eigentlich einfach aufgebaute Musik. Da Michael Gegensätze ja mag, scheue ich mich kein bisschen, ihn nun damit zu konfrontieren. - "Das ist auch die Frage, wie einfach und komplex definiert werden. Was der Gemina Sound sicher hat, ist ein repetitives Element. Das ist textlich so, das ist musikalisch so und gibt einen gewissen hypnotischen Effekt. Das ist ein Stilmittel, das ich gerne gebrauche. Im Vergleich zu einer Band, die alle zehn Takte einen Rhythmuswechsel und einen Break hat, ist das sicher nicht komplex. Aber über fünf Minuten mit solchen Elementen eine Spannung erzeugen, bedeutet enorm detaillierte Arbeit mit Dynamik. Komplexe und einfache Musik gibt es in dem Sinn nicht. Das ist vor allem Definitionsfrage."
"Es hat viel harmonisches in unserem Sound. Weniger Wechsel als Tonalitäten, die sich durch einen ganzen Song hindurch entwickeln.", plaudert Michael die Feinheiten und Details der Schönheit von Gemina aus dem Nähtäschchen. Auf der Bühne hatten TBOG ebenfalls noch ein ganz besonderes harmonisches Highlight geboten. Für einen Song baten sie ihr kleines Studioorchester mit Cello und Kontrabass auf die Bühne und entfalteten operngleichen Glanz auf das den tatsächlich anwesenden Rokoko-Girls ganz gut gefallen haben dürfte. Genau wie uns. Ich frage diplomatisch, weshalb die nach einem Song wieder von der Bühne mussten? - Michael: "Es war für uns ein ganz besonderes Konzert, nämlich das erste und die Idee war, dass die Leute, die auf der Platte mitgearbeitet hatten, mit uns kommen und diesen Song performen. Wir wollten die Ballade auch unbedingt spielen. Auf Tour, vor allem weiter weg, werden wir darauf halt verzichten müssen. Aber die klassischen Elemente sind mir sehr wichtig. Sie werden immer ein Bestandteil des Gesamtkonzeptes oder der Welt von The Beauty of Gemina sein."
Obwohl ich Gemina nun nicht getroffen hatte, konnte ich viel über sie in Erfahrung bringen. Nicht aber ihren Aufenthaltsort. Der See an dem sie zuletzt gesichtet wurde, in den Visuals von "Suicide Landscapes", liegt übrigens - "im San Bernardino. Also dort wo eigentlich auch der Song spielt. Wir haben im Alpenraum und auch im Sarganserland, wo wir herkommen, ja eine relativ hohe Suizidrate..." Fazit: Mir ist die "Schönheit der Zerstörung" immer noch lieber als die Zerstörung der Schönheit - jedenfalls meiner...