Madviolet - Zwei leicht verrückte Pflänzchen
Text: Monthy
Bilder: Madviolet/Internet
Madviolet sind ein Singer/Sogwriter-Duo, musikalisch irgendwo zwischen Country und akustischem Pop/Rock anzusiedeln. Ich treffe die zwei Kanadierinnen vor ihrer Schweizer Tournee in Zürich und versuche als erstes heraus zu finden, welche der beiden denn nun "verrückt" und welche das "Veilchen" ist. Lisa Mac Isaac lächelt, wie wenn sie diese Frage auch schon gehört hätte und meint: "Normalerweise bin ich eher das verrückte Huhn, aber das kommt vor allem auf den Tag an. Wir können auch beide violett sein." Dass Lisa "violet" als die Farbe violett interpretiert kommt übrigens daher, dass wir das Interview in Englisch führen. Ich greife das gerne für meine nächste Frage auf. Mir ist schon bekannt, wie es sich "blue" anfühlt - übrigens weder besoffen noch geschwänzt, sondern vielmehr sorglos. Wie aber bitte fühlt sich violett an, Brenley? - "Ich weiss gar nicht, ob es dafür eine Definition gibt. Für uns ist violett sozusagen das balancierende Gegenstück zur Verrücktheit. Also sehr ruhig, mellow..."
Brenley Mac Eachern und Lisa Mac Isaac's Musik ist keineswegs die Neuerfindung des Genres oder gar der Musik. In Nordamerika mit seiner immensen Country-Szene sind sie ein Act von vielen. Was macht die beiden Girls nun trotzdem speziell? - Brenley schätzt die Melodien von Madviolet als Spezialität ein: "Melodien sind die stärkste Quelle unserer Musik. Wenn du einen Song nicht vergessen kannst, hat das zumeist mit der Melodie zu tun. Deshalb konzentrieren wir uns sehr darauf. Und dass wir zwei Stimmen haben anstelle von nur einer, betont diesen Faktor entsprechend." Auch Lisa setzt vor allem darauf, dass die Summe der beiden Stimmen mehr ergibt als man rechnerisch annehmen sollte. Man fühlt sich bei den beiden unweigerlich an The Corrs erinnert, die seit längerem kaum mehr in Erscheinung getreten sind. Da hätte es also Platz für Madviolet. Solch ein Vergleich ist für einen Künstler aber immer zweischneidig - einerseits schmeichelhaft, andererseits anstachelnd, seine Unabhängigkeit zu betonen. Brenley kennt The Corrs nur ein bisschen, aus dem Radio halt. Lisa denkt, dass das am Geiger liegen könnte, den auch die Kanadierinnen in ihrer Band haben. In Amerika ist momentan gerade ein Hype von weiblichen Akustik-Duos auf seinem Höhepunkt. Deshalb sind es sich die beiden gewöhnt, ständig mit anderen verglichen zu werden.
Wohl am höchsten hinauf gespült wurden in diesem Zusammenhang die Dixie Chicks, allerdings vor allem wegen ihres politischen Protests gegen die Bush-Administration. Ich frage, ob man sich in der Szene allgemein gut kenne und ob sie sich mit dem Anliegen ihrer Konkurrentinnen solidarisch zeigen. Allerdings habe ich da eine kleine grosse Grenze vergessen, die nämlich zwischen Kanada und den USA. Brenley: "Das ist ein grosser Unterschied, obwohl die öffentliche Meinung bei uns natürlich auch nicht auf Bush's Seite pendelt." Lisa weiss aber doch noch etwas über die gehypten Dixie-Ladies zu erzählen: "Sie wurden so viel ich weiss in den Südstaaten ziemlich stark boykottiert. Dafür haben sie ihre Shows in Kanada in nullkommanichts ausverkauft..." Madviolet erwarten also ebenfalls keine Konzertangebote aus den Südstaaten? - "Nein - ausser vielleicht in Austin. Dort ist es cool. Aber sicher nicht in Fort Worth oder Dallas. Wir sind überhaupt nicht sehr oft in den Staaten. Das Gefühl ändert sich fast schlagartig, wenn du die Grenze überschreitest. Es ist dieselbe Landschaft, fühlt sich aber plötzlich sehr schwer an, weniger locker als bei uns", beschreibt Brenley die Unterschiede, die beispielsweise auch Michael Moore in seinem Anti-Waffen-Film "Bowling for Columbine" deutlich aufzeigt.
Nach ersten Erfolgen in der Heimat mit ihrem Debut "Worry the Jury" entstanden bald Kontakte nach Europa, genauer nach Dänemark - und in die Schweiz. Wie kam das? - Brenley: "Wir wurden von einem Agenten aus Genf angegangen, der unsere Musik gehört hatte. Sie gefiel ihm so sehr, dass er einige CDs von uns wollte, um sie hier zu verkaufen. Also haben wir ihm eine Schachtel mit 50 Stück geschickt und so kam das..." Die Landkarte musste die charmante Bren allerdings nicht bemühen, um heraus zu finden, wo diese Schweiz sich versteckt. - "Ich war 1989 schon einmal hier und habe mich sehr wohl gefühlt. Es gibt da irgendeine Verbindung. Die Schweiz ist sogar einer der Gründe, dass wir in Europa touren. Australien wäre auch zur Auswahl gestanden. Unglücklicherweise regnete es immer, als ich das erste Mal hier war..." Ich belehre sie, dass das hier nicht ein Unglück sondern die Normalität darstellt. Australien hat zwar nun den kürzeren gezogen, ist aber trotzdem unser nächstes Gesprächsthema. Dort haben Madviolet nämlich kürzlich die Songs zu ihrem Zweitling "Caravan" geschrieben. Unterwegs waren sie - dem Albumtitel entsprechend - in einem Wohnmobil. Lisa und Brenley ziehen sich immer von der Welt zurück, wenn es an die kreativen Arbeiten geht. Lisa mit den unglaublichen Kulleraugen erklärt: "Wir sind nicht sehr kreativ, wenn rund um uns herum viel läuft. Wenn wir zuhause sind, wollen uns alle sehen, weil sie normalerweise darauf verzichten müssen. Und wir sind beide sehr gesellig, also lassen wir uns zu sehr ablenken in unserem normalen Umfeld. Deshalb müssen wir uns isolieren."
Auch wird sich wohl die Kreativität der beiden steigern, wenn sie zusammen unterwegs sind. Reisen stärken ja allgemein das Team, schon nur weil man aufeinander angewiesen ist. Brenley: "Wir zwei sind praktisch identisch. Die eine kann für die andere den Satz beenden. Wir sehen die Dinge gleich. Das macht viel einfacher." Und dann gibt es da noch folgende Geschichte, die einen zu spät Geborenen wie mich an "Riding the Snake" erinnert - oder für die Unwissenden: den legendären Trip der Doors in die Wüste zur Selbstfindung mit dem Resultat des obengenannten Songs. Eins zu eins lässt sich das nicht übernehmen. Als Lisa und Brenley auf dem Rückweg allerdings auf den Fidji Inseln stoppten, brachten die Hitze, Moskitos und Kava, ein lokaler zeremonieller Schnaps, die Mädels in einen ähnlichen Geisteszustand. Lisa rechtfertigt die beiden scherzhaft: "Wir haben keinen Song geschrieben auf Fidji! Wir waren sechs Tage dort, auf einer Insel namens Nanayalalylay (Schreibweise ohne Gewähr). Ausser uns war nur noch eine Familie dort, später waren wir sogar ganz alleine in einer Hütte mit Sandboden, ohne Strom und fliessend Wasser. Es muss um die vierzig Grad gewesen sein am Tag, fünfunddreissig nachts!" Hat die selbsterwählte Isolation also nichts zu tun mit Grenzen verschieben oder gar in einen Trance-ähnlichen Zustand zu verfallen? - Brenley: "Wir haben das versucht. Aber ich kann mich gar nicht so extrem in einen Song hineinsteigern. Entweder er funktioniert oder nicht. Wenn ich es erzwingen will, geht's eh nur schief."
Weil eine gewisse Zeitspanne zwischen ihren beiden Alben lag und sich die Girls in dieser Zeit weiter entwickelt haben, erhielten sie in jüngerer Vergangenheit immer wieder Anfragen, ob sie nicht eine CD hätten, die mehr nach den Madviolet von heute tönt. Seit dem 1. Juni ist diese nun draussen. Sind Madviolet mit "Caravan" glücklich? - Lisa: "Sehr glücklich! Es widerspiegelt uns deutlich mehr - wo unsere Herzen sind... Ich bin zwar auch stolz auf 'Worry the Jury', allerdings spielten wir damals erst seit kurzer Zeit zusammen. Nun sind es doch schon siebeneinhalb Jahre, wir kennen uns in- und auswendig, wissen wie die andere schreibt und das funktioniert natürlich auch auf der Bühne." Und welche Erwartungen hegen Madviolet hinsichtlich ihrer Schweizer Tournee, die die Girls immerhin an fünfzehn Locations führen wird? - Brenley: "Wir erwarten, dass wir beim Abflug mehr Schweizer Fans haben als bei unserer Ankunft. Und wir sind sehr aufgeregt, weil wir erstmals unsere kanadische Band im Ausland dabei haben. Und wir wollen einige Plätze besuchen, die ich von früher kenne. Besonders Murten, dort ist es so schön." Einen touristischen Geheimtip habe ich den Mädels natürlich auch noch - Interlaken! Wobei es sich hervorragend trifft, dass Madviolet dort auch spielen, genauer am Country & Truckerfestival. Da auch Trespass dort mit einem Rudel Girls vertreten sein wird, können Lisa und Brenley uns - und euch - erzählen, ob diese Erwartungen erfüllt werden konnten. To be continued...