Madviolet's Tour de Suisse
Text: Piggy
Bilder: Piggy/Andrea
Nachdem wir Lisa und Brenley kurz vor ihrer Schweizer Tour zu ihren Erwartungen löchern durften, nahm ich die Gelegenheit am 14. Trucker- und Country Festival in Interlaken gerne wahr, Madviolet nach gut der Hälfte ihres Vorhabens erneut auszufragen. Doch zuerst muss Lisa meine scherzhafte Bitte, das Interview in deutsch zu führen ablehnen, was sie mit einem bezaubernden Lächeln und einem bestimmten "Nein" - dies aber in akzentfreiem Deutsch - ablehnt. "Es sind jetzt noch sechs Konzerte ausstehend. Bis jetzt war jede Show für uns ein Abenteuer für sich selbst. Heute waren es sogar mehr eineinhalb Abenteuer. Weil wir uns ein bisschen verfahren haben. Und wenn ich vor dem Auftritt zwei Stunden lang so in der Schwebe hänge, durchlebe ich dann auf der Bühne immer sehr interessante Gefühle. Dann muss ich mich zuerst sammeln. Allgemein war es aber sehr schön, wir haben interessante Menschen kennen gelernt und gute Musik entdeckt."
Auf ihrer "Tour de Suisse" haben die beiden hübschen Kanadierinnen trotz Auftritten auch ein bisschen was von der Schweiz gesehen und finden durchaus, dass sie sich mit ihrem Heimatland vergleichen lässt. Brenley: "Teilweise... Hier ist alles sehr viel kleiner und kompakter. Und das macht die Schönheit für mich aus. Die weiten Prärien und die Rocky Mountains in Kanada sind auch sehr schön, aber bei uns sagt man: 'Es wird wunderschön, wenn es einmal fertig gestellt ist' - weil es halt noch so viel Platz hat, wo man etwas machen könnte. Hier ist es fertig gestellt. Wir haben viel von der Schweiz gesehen, Stadt, Land - ich liebe es hier. Auch das Nachtleben haben wir gestern erkundet. Ok, eigentlich war das nicht mehr in der Schweiz sondern knapp hinter der Grenze..."
Verzicht sind sich die beiden ja von ihren Songwriter-Sessions gewöhnt. Erst kürzlich haben sie ihr Album "Caravan" auf einem Trip durch Australien geschrieben und sich dabei von der Welt abgeschottet. Trotzdem vermissen die Weltenbummlerinnen natürlich einige Kleinigkeiten aus Kanada. Lisa sehnt sich konkret nach: "meinen Kopfkissen und richtig guter Erdnussbutter". Ich muss zugeben, dass wir die in der Schweiz nicht bieten können. "...aber ich umarme Nutella", fügt sie verschmitzt an. Madviolets aktuelles Album quillt praktisch über vor Gefühl. Ich frage Brenley, woher sie es nehmen? - "Üblicherweise aus persönlichen Erfahrungen... Es fliesst in alle unsere Songs ein. Ich finde auch, dass es der Job eines Songwriters ist, seine Stücke knackig und interessant für die Leute zu schreiben. Aber auch nicht so übertrieben, dass es aufgesetzt wirkt. Wir erzählen die Wahrheit durch Fiktion. Im Grunde sind es ja erfundene Geschichten, hier und da aufgeplustert. Gesalzt und gepfeffert. Da ist es auch wichtig, seine persönlichen Erfahrungen mit einzubringen, um nicht zu übertreiben."
Meint Bren mit "Wahrheit durch Fiktion" zufällig den Song mit dem verheirateten Mann, auf den sie sich nie einlassen würde, wobei man das Gefühl hat, dass sie es eben doch getan hat? - "Dieser Song ist tatsächlich nicht autobiografisch. Aber er entstand aus einer Aussage einer Kollegin von mir, die sagte: 'Ich schlafe nie mit einem verheirateten Mann - again...' Wir fanden das witzig und wollten es verwenden." Wortspiele mögen die Girls sowieso ganz gerne. Und die gehen ab und zu auf wie ein Kuchen im Ofen. Beispielsweise die Chorusline von wegen "verlaufen wie Butter auf einem T-Bone-Steak". Die Worte fanden irgendwo im Outback zu Lisa und Brenley - "Wir fuhren herum und arbeiteten eigentlich an einem anderen Song. Ursprünglich war es ein Witz, den ich gemacht hatte. Bren liebte den Ausdruck und so probierten wir ihn an einigen anderen Leuten aus. So wurde er zum 'Crowdpleaser' und zur Songzeile. Es war ein Geschenk Gottes oder ein Unfall, wie immer man das sehen will..."
Als Songwriter sei es schon wichtig, dass man sich "mentale Notizen" mache, meint Brenley auf meine Frage, ob man ein feinfühliger Mensch sein müsse, wenn man solche Songs schreiben wolle. - "Wenn du es aufschreiben kannst, dann ist das umso besser. Aber ein Bewusstsein für diese Dinge ist jedenfalls von Vorteil. Wenn ich etwas am nächsten nicht mehr weiss, ist es auch nicht gut genug für einen Song. Dann hat es nicht den nötigen Biss. Du denkst vielleicht am ersten Tag, es sei grossartig. Aber wenn du es am nächsten Tag vergessen hast, kann es auch keinen Effekt auf die Leute haben..."
Die Präsenz von Madviolet in der Schweiz hat sich bereits ausgewirkt. Nach einem Auftritt im Radio DRS3 werden ihre Songs hierzulande vermehrt mit Airplay bedacht. Und die Fans in Interlaken überbrachten ihre Standing Ovation, indem sie den armen CD-Verkäufer nach dem Gig bedrängten. Der Geheimtip macht Furore und überall hört man das gleiche Urteil: Sooooo schön! Madviolets Trip zahlt sich also aus. Lisa: "Deswegen kommen wir ja auch immer wieder gerne zurück. Jedes Mal finden wir neue Freunde im Business und neue Fans. Es zahlt sich definitiv aus für uns."
Brenley stellt erst anhand meiner Frage fest, dass "an jedem Konzert vier oder fünf Leute waren, die uns schon zuvor gesehen hatten" und dass diese nun auch wieder neue Leute an die Konzert mit bringen. "Wir hatten diese Leute in der Zwischenzeit vergessen. Wenn du aber zurück kommst und sie wieder siehst, erinnerst du dich dann auch nachhaltig an sie. So kenne ich mittlerweile wohl doch an die hundert Leute hier..." Und hoffentlich kennen noch viel mehr Leute Brenley und Lisa - "Das hoffe ich doch... 100'000 wären gut!" Zum Abschluss muss mir dann Brenley noch etwas in Deutsch mitteilen, was sie ähnlich gut macht, wie auf der Bühne, wo sie Begrüssung und Dank in unserer Landessprache abhandelte. Ihr Urteil über die Schweiz: "Ich liebe dich!"