Ray Wilson's persönliche Reunion
Text/Bilder: Monthy
Die Geschichte von Ray Wilson zeigt einmal mehr und ziemlich ultimativ, dass Künstler und Geschäftemacher eben doch nicht miteinander können. Ray Wilson liebt Musik, besonders die härtere Gangart. Er wird Musiker, vor allem ein aussergewöhnlicher Sänger. 1994 schlägt es bei Stiltskin ein und damit auch bei deren Sänger Ray. "Inside" erobert die Szene dank Levi's-Werbung im Sturm und wirft die Jungs ins Haifischbecken Big Business. Dass eine Band, die nach eigenen Aussagen auf Hass begründet war, damit nicht umgehen kann, scheint nur logisch. Stiltskin sterben 1995 sozusagen den Tod des One-Hit-Wonders. Trotzdem klingt der Name bis heute nach.
1996 schnappt ein noch dickerer Fisch nach Ray Wilson's Angel. Bei den Art-Rockern Genesis wird Ray auserwählt, Nachfolger von Phil Collins zu werden. Trotz Deal über zwei Alben kommt es nach nur einem zum Bruch. Der verbliebene Vertrag mit der Plattenfirma nimmt Ray's neuem Projekt, "seiner" Band Cut, jegliche Luft zum Atmen und wird bei 30'000 Kopien trotz gewaltigem Potential zum Flop. Ray Wilson, Ex-Sänger von Stiltskin und Genesis, avanciert endgültig zum tragischen Helden. Aber wer als Rocker den Kopf in den Sand steckt, zeigt der Welt immer noch seinen Arsch! So auch Ray. Er ersteht den klangvollen Namen Stiltskin von seinen verhassten Ex-Kollegen, tritt aber nach aussen ausdrücklich als Solo-Act mit Begleitband auf. Als ob er damit sagen wollte, dass Ray Wilson nie mehr Mitglied von Stiltskin sein will. Und während sich Genesis tatsächlich wieder gefunden haben, besucht Trespass.ch Mr. "Millionairehead" anlässlich seines einzigen Schweizer Gigs der aktuellen Tour im Rock City, Uster und spricht mit ihm über grosse Namen und kleine Freuden…
In wunderbarem Englisch unterbreitet mir Ray die Gründe für das Wiedererscheinen des kultig angehauchten Namens: "Stiltskin war damals einfach ein Projekt, eine Bereicherung meines Erfahrungsschatzes. Auch Genesis war für mich vor allem das. Meine Karriere verlief ein bisschen wie ein Fahrstuhl mit vielen kurzen Stops. Ich wollte jetzt wieder einmal ein Rock-Album machen und es fühlte sich sehr gut an. Ich hielt es für eine gute Idee, den Namen Stiltskin und seinen Bekanntheitsgrad im Rocksektor dafür zu nutzen. Wenn ich die Platte einfach als Ray Wilson herausgegeben hätte, würden die Leute vielleicht ein akustischeres Set erwarten."
Dass dies irgendwo leicht manipulativ ist, glaubt er nicht. – "Ich glaube nicht, dass es irgendwen kümmert, ob Stiltskin zurück kommen, um ehrlich zu sein. Es ist ja nicht wie bei Genesis oder Pink Floyd. Es waren zwei Alben, einige gute Songs, die wir übrigens teilweise heute Abend auch spielen. Die Band, wie sie war, wird nie mehr zusammen arbeiten, das steht ausser Frage. Und die kreative Seite von Stiltskin war sowieso die Kombination von Peter's Musik und meiner Art des Singens. Für dieses Album hier habe ich mit verschiedenen Gitarristen zusammen gearbeitet, alle Songs wurden im Kern von zwei bis drei Leuten geschrieben, was für mich eher ungewöhnlich ist. Normalerweise arbeite ich allein, ab und zu ein Song mit einem anderen Songwriter zusammen. Aber dieses Album stammt musikalisch von zwei Gitarristen und ich bringe Melodie und Singstimme mit ein. Mit der Musik darauf habe ich allerdings gar nichts zu tun. Es ist also sehr verschieden von meinen Solo-Arbeiten. Ich hätte dem Ding irgendeinen Namen geben können. Die getroffene Wahl soll den Leuten einfach mitteilen, welche Art Sound drin steckt."
Und überhaupt ist es ja legitim, von Arbeit zu profitieren, die man selbst geleistet hat, oder? Ray relativiert dies sogar: "Es macht hinsichtlich Verkaufszahlen gar keinen Unterschied, auch nicht im Vergleich zu dem, was ich als Solokünstler verkaufe. Was ich daran mag – und das ist jetzt wichtig: Ich habe die Nase ziemlich voll von dem ganzen Genesis-Ding und sie haben sich offenbar wieder mit Phil zusammen gerauft. Ich bin dagegen froh, das ganze langsam hinter mich gebracht zu haben. Ich bewege mich mehr und mehr davon weg. Natürlich kommen immer noch Leute an meine Show, die mich von da her kennen, besonders in Deutschland. Und da sie die Songs wünschen, spiele ich ab und zu den einen oder anderen. Ansonsten: Aus den Augen, aus dem Sinn. Jetzt wo sie sich wieder vereinen, ist für mich ein guter Zeitpunkt, einen Schlussstrich darunter zu ziehen. Das Konzert heute Abend besteht hauptsächlich aus Material von den zwei Stiltskin-Alben, ab der Cut-CD, die ich gemacht habe, dazu vielleicht ein oder höchstens zwei Genesis-Songs. Mehr sicher nicht."
Die tragische Geschichte um Cut beschreibt Ray mit den Worten "It's a shame!" und stimmt mir zu, als ich bemerke, dass er eigentlich gar nie mit einer eigenen Band unter normalen Umständen antreten konnte – "In vielen Hinsichten denke ich rückblickend, dass die Entscheidung bei Genesis einzusteigen, keine gute Idee war. Weil ich sie mit dem Kopf getroffen habe und nicht mit dem Herzen. Ich hatte das Cut-Album damals schon fertig geschrieben und glaube bis heute, dass es etwas vom Besten ist, das ich je gemacht habe. Es hatte lange gedauert und gerade als wir die Demos fertig und ein Angebot für einen Plattenvertrag auf dem Tisch hatten, kam Genesis. Das hat mich als Person irgendwie desynchronisiert und mich vom Weg abgebracht, den ich hätte gehen sollen und mittlerweile auch wieder gehe. Ich habe sechs Jahre mit Singen bei Genesis und Depressionen verloren!" Und dies aufgrund eines Angebots, für das andere töten würden… Ray: "Musikalisch war's halt die falsche Entscheidung für mich. Ich hätte ablehnen sollen, hätte weiter entwickeln sollen, woran ich damals gearbeitet habe. Das war 1996 und heute weiss ich das ohne den geringsten Zweifel. Ich bin doch ziemlich froh, das sagen zu können, jetzt wo Genesis und Phil zurück kommen. Ich kann jetzt ehrlicher darüber reden als je zuvor."
Ich hake nach, ob es lange Zeit auch zu persönlich war, um es öffentlich auszubreiten. Ray meint, es sei nicht nur das gewesen – "It wasn't really over until it was over, you know… – Ich hatte einen Vertrag über zwei Alben, nicht eines. Und sie haben ihn nicht geachtet, haben nach einem Album gestoppt. Sie, nicht ich! Sie hatten ihre Gründe und ich respektiere das, aber sie haben einfach nicht das gehalten, was sie versprochen hatten. Ich denke, das war nicht besonders fair mir gegenüber. Nicht finanziell, aber bezüglich meiner Kreativität und meiner Karriere." Schon 2002 hatte Ray erklärt, dass es ihm den Spass genommen hatte und dass es ihm an Spontaneität gemangelt hatte bei den Weltstars. Aber kam der Druck nicht auch daher, dass er auf Phil Collins folgte? Ray: "Ich habe diesen Druck gar nie gefühlt und auch nicht an diesem Aspekt herum studiert. Soweit es mich betraf, war ich einfach ein guter Sänger und unterschied mich von Phil. Ich musste eine Balance finden zwischen dem, was ich bis dahin getan hatte, dem 'Calling all stations'-Material und dem ganzen Drumherum. Als ich das einigermassen auf die Reihe kriegte, war es übrigens schon fast vorbei. Mit den PeterGabriel-Songs hatte ich deutlich weniger Mühe, sie waren mir von Natur aus näher. Aber Phil ist einfach sehr verschieden von mir, als Sänger, als Person und überhaupt. Wir haben gar nichts gemein!" Und so komme ich denn zur letzten Frage rund ums Thema Reunions und andere Katastrophen. Ray hat seinen Frieden gefunden und ist heute wieder glücklich mit dem, was er machen will. Und wie fühlt sich das an? – "It feels like home…"