Schmezer – Startfreigabe erteilt
Text: Monthy
Bilder: Ueli Schmezer/Diverse
Meine erste Reaktion auf Ueli Schmezers Albumtitel "Himustärnehimu" war eindeutig – "Typisch Ex-Kassenstürzler – politisch zu korrekt, um richtig zu fluchen…" Als ich mir dann aber Album und Titelsong angehört hatte, fand ich heraus, dass Schmezer momentan gar keinen Grund zum Fluchen hat. "Das Überraschende ist ja eben, dass hinter diesem Kraftausdruck eigentlich ein Liebeslied steckt. Für mich ist der Song ein bisschen wie wenn du gediegen essen gehst und als dritte Vorspeise ein Sorbet serviert erhälst. Ein Gegenpol quasi. Liebeslieder finde ich ansonsten eher schwierig. Die Entstehung war auch sehr simpel – ich habe in den Sternenhimmel geschaut und zu mir gesagt: 'Himustärnehimu…'" Schmezers eigentliches Debut – seine bisherigen CDs waren Matter-Tribute, Kinderlieder und ein Hörbuch – nötigte den Blick sogleich, zu sagen, Ueli töne ein wenig wie der junge Hofer. Wie fiel Schmezers Reaktion auf die Vorschusslorbeeren aus? – "Das ist geil. Wenn es so weitergeht und ich den Weg von Hofer gehen kann, hab ich nichts dagegen. (Er grinst) Ich kann es aber gar nicht beurteilen. Ich glaube schon, dass ich eine ganz eigene Stimme habe. Und dann war da auch noch der andere Vergleich 'Texte wie der alte Anaconda'. Das hat mich dann schon ziemlich erröten lassen. Hoffentlich kann ich dem nachleben…" Wobei es ja nicht der Fehler eines Künstlers ist, wenn er mit solchem Vorschuss abstürzen sollte.
Den jungen Hofer habe auch ich gehört, den Anaconda halte ich für erfunden. Was mich aber irgendwie überraschte – wohl wegen der Naivität des Konsumenten, die ich mir immer erhalten habe - ist dass Schmezers "Vorbild" Mani Matter ganz und gar nicht im Künstler Schmezer zu erkennen ist. Ueli: "Hoffentlich auch nicht. Das wäre wirklich nicht gut. Ich habe auch bei keinem Song an ihn gedacht. Das ist ein Pop/Rock-Album und hat mit Matters 'vertonten Chansons' nichts zu tun. Wir gehen von der Musik aus. Ich bin auch ganz froh, dass das jemand mal in einem Interview zur Sprache bringt." Die Bedeutung Matters für Schmezer ist hauptsächlich "eine textliche… Wenn er mir etwas mitgegeben hat, dann sicher, dass der Text sehr wichtig ist", erklärt er mir die Verbindung zum Mundart-Pionier. Thema ist es vor allem deshalb, weil ich zeigen will, dass Schmezer nicht ist wie Matter, aber trotzdem in die Worte und die Sprache verliebt. "Total", schwärmt Ueli mit ganzem Herzen, "Eine schöne Zeile finden, einen guten, überraschenden Reim finden – das ist für mich die Herausforderung. Im Dialekt kannst du dich halt auch nicht verstecken. Die Leute hören am Radio oder ab CD oder Live automatisch zu. Zudem bin ich Journalist. Sprache ist mein Ding. Im Reden, im Schreiben, im Singen…"
Den erwähnten Journalisten weckt Ueli mit seiner letzten Aussage auch in mir. Und er erinnert sich, dass ich zum Thema Hofer noch eine brisante Frage nicht gestellt habe. Im Opener "I wott Alls" singt Schmezer nämlich die L's nicht in seinem Stadtberner Dialekt sondern in Oberländerisch. Hat er nun dem Blick also doch vorgegriffen und ein Hofer-Tribute auf seine CD gepackt? Oder hat er Wurzeln südlich von Thun? - …oder wo im Kanton Bern spricht man sonst noch so??? – Schmezer: "Das hast du aber toll herausgehört. Ich bin zwar ein Stadtberner, aber kein so reinrassiger. Ich bin aber auch sehr viel im Berner Oberland und fühle mich dort ziemlich zuhause. Ich habe beim Song nicht an ihn gedacht. Überhaupt finde ich bei Polo vor allem die Themen super. Er hat ein tolles Gespür dafür, was die Leute bewegt. Das würde ich gerne von ihm übernehmen. Aber natürlich mit meiner Stimme und meinen Möglichkeiten." Die Frage musste sein, weil wenn er es extra gemacht hätte, dann müsste man fast schon von Berechnung reden. Schliesslich ist Schmezer als ehemaliger Konsumentenschützer marketingtechnisch leicht verdächtig. Vertraglich wird ihn wohl niemand über den Tisch gezogen haben, oder? Ueli: "Ich habe den Vertrag einige Male durchgelesen, ja… und einige Sachen mit dem Stabilo angestrichen und nachgefragt, was damit genau gemeint sei. Unterschrieben habe ich erst als ich meinte, alles so weit nötig verstanden zu haben." Einen Bonus wegen seiner Kassensturz-Zeit habe es aber nicht gegeben, betont Schmezer auf meine Frage, ob denn einige Passagen gar nicht erst in den Vertrag gesetzt wurden, weil er eben der Schmezer sei. "Schlussendlich will ich ja etwas von ihnen. Und so viele Adressen hast du in der Schweiz nicht, wenn du einen Plattenvertrag willst…" Und das mit der Berechnung liegt natürlich im Auge des Betrachters. Schmezer: "Ich habe mir beispielsweise keine Gedanken gemacht, welche Themen gut wären. Ich wollte einfach schöne Musik machen. Das kann man mir nun einfach so glauben – oder eben nicht…"
Etwas allerdings ist konzipiert – und wenn auch nicht berechnend - so doch zumindest dosiert. Nämlich die Musiker hinter Schmezer, die eindeutig für ihn spielen. "Freut mich, dass du das so siehst. Es war von Anfang an mit der Band und mit Roman (Camenzind; der Produzent) so geplant. Wir haben transparenten Sound und das ist mir wichtig. Füllen kann man immer, aber ich mag das nicht. Wenn da einfach eine Wolke daherkommt, wird man schnell quasi erschlagen. Laut alleine reicht für mich nicht. Wir haben versucht, das zu machen, was nötig ist, aber nicht mehr." …was bei Mundart sowieso immer gut kommt, weil der textliche Fokus so nicht gestört wird. Das sieht auch Schmezer so. Ich schneide zum Schluss noch ein Thema an, dass irgendwie wieder zum Blick und den Erwartungen von und an Schmezer zurückkehrt. Die Grösse des Schweizer Marktes bedingt fast, dass nicht ständig neue Mundart Stars geboren werden. Es gibt Zyklen des Erfolgs. Seit Gölä ist nun einiges Wasser die Aare runter gelaufen. Ein guter Moment für Schmezers persönliches Debutalbum, finde ich. "Findest du?", mimt Schmezer den Unwissenden und beantwortet danach meine Schlussfrage, ob es vielleicht bezeichnend sei, dass mit ihm wieder ein gestandener Act mit einem gewissen Alter vor der Mundart-Türe steht und offensichtlich Potential mitbringt? Ueli: "Zumindest unterscheidet es mich von der jungen Generation. Das haben wir aber erst hinterher festgestellt. Aber normalerweise sind neue Bands halte junge Menschen, die zusammen Krach machen wollen. Und ich komme eigentlich in ein Gebiet, wo es von Leuten in meinem Alter wimmelt. Ich weiss gar nicht, ob ich den Namen nennen darf… Ich habe eigentlich genau gleich viel zu bieten wie ein Büne oder ein Kuno. Schon nur was Lebenserfahrung angeht." Ob das zum Erfolg führen wird? Startfreigabe erteilt, Ziel Sternenhimmel – wir beobachten weiter…