Undergod - Nach bestem Wissen und Gewissen
Text: Monthy
Bilder: Undergod
Ich würde lügen, sollte ich je behaupten, es mache mir gar nichts aus, wen ich auf meinen Streifzügen durch die Schweizer Musikszene so treffe und was die genau machen. Und man kennt es ja - die Vermischung von Privatem und Geschäftlichem geht selten gut. Mit gutem Grund waren aber dies nicht die beunruhigendsten Gedanken, die mich auf meinem Weg von Zürich nach Basel und dort in die charmante Kuppel begleiteten. Undergod trifft genau meinen Geschmack und für "My Song" bete ich sie schier an. Als ich aber mal mit einer nicht genannt werdenden Kollegin über einer Tasse Kaffee sass und das gute Stück dazu servierte, kamen wir ins Diskutieren und zum Schluss, dass Teile davon auch schon bei Manson und Nine Inch Nails zu hören waren. So weit ich es rekonstruieren kann, handelt es sich um die Undergod-Songs "Slip" und "Discipline in nothingness", die Steine des Anstosses waren. Nach dem Gespräch mit Undergods Chefdenker Tommy Baumgartner und einer erneuten Hörprobe, die ich ihm jedenfalls schuldig war, bin ich mir aber selbst überhaupt nicht mehr sicher und habe den entsprechenden Manson-Song jedenfalls nicht mehr gefunden. So viel zur Rechtfertigung vorab...
Meinen inneren Zwiespalt vosichtigerweise auf der Seite belassend, erwische ich den Sänger, Gitarristen und Programmer mit meiner ersten Frage auf dem richtigen Fuss. Ich bitte ihn eigentlich nur, mir ein fürs Songwriting typisches Bild aus der Welt von Undergod zu beschreiben. Tommy schmeichelt meiner Fragestellung und versucht sich nach kurzem Überlegen in einer Antwort: "Die Welt, die ich da erschaffe, eine effektive Kopf-Welt, ist oft nicht einmal für meine Bandmitglieder ganz verständlich. Und das ist mir eigentlich auch gar nicht so wichtig. Ich will nicht arrogant erscheinen, aber es sind eigene Emotionen, meine Geschichten und ich finde es wichtig, dass die Leute ebenfalls ihre eigenen Geschichten daraus ziehen. Ich will eigentlich nicht meine Geschichten erklären sondern versuche den Leuten einen Faden zu geben, an dem sie sich wiedererkennen können oder auch nicht. Wie sieht diese Welt aus? - Bei solcher Musik versteht es sich, dass nicht alles Jubel, Trubel, Heiterkeit ist. Es tönt jetzt sehr abgedroschen, aber Musik ist ein Ventil, um Aggressionen abzulassen. Das funktioniert bei mir."
Industrial spielt ja eigentlich mit dem Aufeinanderprallen von Metal und Elektronik. Das Bild vom Mittelalter und der Moderne drängt sich auf. Tommy lässt meinen Ansatz durchaus gelten. - "Das Traditionelle, also Gitarre, Bass, Drum ist bei uns gegeben. Das Kokettieren mit der Elektronik wurde immer stärker, bis sie schliesslich zu einem festen Bestandteil unserer Musik wurde, der uns immer wieder herausfordert. Wir müssen auf die Maschine reagieren, sie kann nicht auf uns reagieren. Diese Gratwanderung ist schon speziell, fordert traditionelle Werte und technisch strukturiertes Arbeiten. Das ist das Spannende daran." In meiner Kritik zu "Killlove" hatte ich festgestellt, dass bei Undergod die beiden stiltypischen Elemente sehr ausgewogen scheinen. "Wir kommen schon aus dem Rock-Bereich", stellt Tommy auf Nachfrage klar, "Bei uns war es einfach so, dass wir lange als Trio gespielt haben und das kann einen schon etwas limitieren. Wir haben uns dann dieser Herausforderung Electro gestellt. Anfangs waren das kleine Versatzstücke, heute ist es unser fünfter Mann. Bei uns ist das schon eingewachsen. Auch ich kam allerdings in den 80ern nicht um solche Sachen wie Depeche Mode herum. Das sind Einflüsse. Ich höre keine zeitgenössische elektronische Musik. Für mich gelten immer noch die alten Helden."
Ich spreche ihn nun auf die Ähnlichkeit von Undergod und Manson an und verstricke mich selbst in meinem Fragengewirr, weil ich einen Rob Zombie Song, den Undergod und Metallspürhund Michel im Soundcheck einübten, für das fragliche Manson-Cover halte, zu dem es in meinem Kopf irgendwann unerklärlicherweise geworden ist. Tommy dementiert: "Wir haben noch nie gecovert, was du oder andere hören, weiss ich nicht! Der Bereich hat aber schon seine Schublade und die Szene ist nicht so gross wie man oft meint. Den Gothic-Bereich ausgenommen, kann man kaum zehn rocklastige Industrial-Bands aufzählen... Ich sehe das Problem der Journalisten. Natürlich werden auch wir immer in diese Töpfe, besonders den Manson-Topf und den NIN-Topf, geworfen. Bei Manson - der ist gleich alt wie ich - wahrscheinlich hat er einfach die gleiche Musik gehört wie ich! Nine Inch Nails ist ein anderes Thema, das war eine Pionierband. Da sieht man auch gleich wieder, wie schmal das Feld ist. Man ist dann sehr schnell nur noch experimentell..." Ich stelle erstaunt fest, dass ich noch lebe und fahre erleichtert fort.
"Wie kannst du dir dann eigentlich sicher sein, dass nicht noch irgendeine andere Industrial-Band den gleichen Song schreibt wie du?", fasse ich seinen Zwiespalt in einer Frage zusammen. Tommy: "Das gibt's! Wir haben haben einen Gig gespielt und in der Umbaupause glaubte ich, dass ein Song von uns gespielt wurde. Es hat sich dann heraus gestellt, dass es sich um eine Band aus Toulouse handelte, welche die gleichen drei Töne gleich arrangiert hatte wie wir. Das gibt dann schon auch Diskussionen - das Feld ist nicht besonders gross." Das alles hilft mir also nicht, mein ursprüngliches Dilemma zu lösen. Ich möchte doch sicher sein, dass mein Lieblingssong von Undergod sonst niemandes Song ist... Tommy lächelt, aber fragt dann doch erst nochmal nach, ob ich davon was wüsste. Dann versichert er nach bestem Wissen und Gewissen: "Es sind alle von uns..." Und ich tröste mich schliesslich damit, dass Tommy nicht mehr tun konnte, als das Lied korrekt anzuschreiben, nämlich als "My Song". Wer tatsächlich mal ein Cover hören möchte, welches Undergod involviert, der musste an diesem Abend zum Halloween Shokk Rokk in der Kuppel zu Basel sein, wo sie aus gegebenem Anlass einen RobZombie-Sckocker zum Besten gaben. Wer das verpasst hat, dem sei der Remix der Single "Berlin" empfohlen, angefertigt von niemand geringerem als den Krupps, Jürgen Engler und Chris Lietz.