Urban Jr. - Ein Narzist
Anfangs ist der Blick auf die Bühne von Verwunderung geprägt. Eine Pauke, ein Snare - beide mit Füssen zu bedienen, ein paar Gitarren und ein Mik mit einem geschlissenen Megafon dran stehen vor einem Tischtuch, das irgendie aufgehängt ist... Ich meine - ich kenne Urban Jr.´s CD "Music for the asses" - und das Baby hat tammi noch mal Eier. "Wie will der das bloss live performen?", frage ich mich plötzlich, beim Anblick dieser Bühneneinrichtung. Dann kommt da so ein Freak daher, mit Tschäppu, Veston und Kravatte, schreit irgendwas in sein Megafon-Mik, schnallt sich die erste Gitarre um und dann schrummt er los - und wie! Wie ein Berseker rapst und raffelt und rupft er an seinen Saiten rum, trommelt wie ein wilder auf dem Schlagzeug rum und schreit zu allem noch, als wäre er völlig irre und würden ihn gerade die wildesten Albträume jagen, in sein Mikregafon - oder so. Ungläubiges staunen geht durch die Reihen, "der Kerl ist irre", hört man, oder "der Junge ist ein koordinatives Genie" - und natürlich den Satz "das hält der nie durch!", machen die Runde im Publikum. Sogar die Crew, die eigentlich die zweite Bühne umbauen sollte bleibt sprachlos stehen und schaut dem Halbwilden nebenan zu. Das Konzert hat begonnen - Urban Jr. legt los, das Gewitter geht nieder!
Nach drei Songs braucht der Junge Bier und Luft, nach knapp einer Stunde ist Schluss. Drei Ding habe er geschlissen, wird Urban Jr. nach dem Gig im Interview sagen, Saiten und Teile des Schlagzeugs. Nun - verwundern tuts niemanden, denn Sanftmut und Zärtlichkeit sind Urban Jr.´s Dinge nun wirklich nicht. Vielmehr einfach Rock´n´Roll - und zwar gnadenlos und kompromisslos - und so dermassen abis zur Verausgabung, dass nach der Show erstmal eine gute halbe Stunde verschnaufen angesagt ist, bevor reden wieder so richtig möglich ist. Und dann steht das plötzlich der Stefan - gemütlich, zum plaudern aufgelegt und sehr ungezwungen. Vom überdrehten manischen Freak, der eben noch über die Bühne wütete ist nichts mehr zu merken. "Ich geniesse diese Möglichkeit - in eine Rolle schlüpfen zu können und mich völlig gehen zu lassen", erzählt er, der sich selber sonst als ruhige Person beschreibt. Naturgemäss führt das Gespräch, das übrigens in Stefans Auto stattfindet, baldeinmal zu Aarau und zum Fistfucker-Kuchen. Zur Erinnerung: Urban Jr.´s Longplayer wurde bei Fistfucker-Records, dem gleichen Label veröffentlicht wie Blusbuebs Debut - und beide wurden im Facts wie die oberchefmässigen Helden der musikalischen Neuzeit in der Schweiz gefeiert. Die Frage "Muss man einen an der Waffel haben, um einen Fistfucker-Deal zu kriegen?", liegt auf der Hand. "Wir kennen uns halt alle, sind eine Clique", meint Stefan und erzählt, wie sein Band-Kumpel Frank, Gitarrist bei HNO, Fistfucker aufgebaut hat, eben genau um sich eine Plattform zu schaffen "auf der er Zeugs rausbringen und pushen kann, von dem er denkt, es lohnt sich und es ist die Sache wert", wie Stefan es formuliert.
Und für diese Plattform geben die Jungs alles: "Wenn wir gute Beziehungen zum Facts haben, nutzen wir die auch", gibt Stefan unumwunden zu, "denn die grossen Plattenfirmen nutzen ihre Beziehungen auch gnadenlos aus - warum wir nicht auch?" Nun - Urban Jr. eine Plattform zu bieten ist es auf jeden Fall wert. Für uns Publikum und für Stefan, der als Urban Jr. jene Frei- und Wildheiten ausleben kann, auf die er als Sänger von Sänger von HNO da und dort verzichten muss. "Ich bin ein Stück weit narzisstisch. Es macht mir Spass, vor Leute hinzustehen. Es geht am Ende darum, dass ich mache, wozu ich Lust habe und was mir ein gutes Gefühl gibt. Und wenn ich ein gutes Gefühl habe, versuche ich das auch den Leuten weiterzugeben." Das tönt nach ziemlich viel Spass als Solokünstler - leidet da nicht die Karriere der Band drunter? "Demnächst erscheint eine neue Single von HNO - was ich eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Wir hatten uns eigentlich mehrmals entschieden, uns aufzulösen - dann aber neue Songs eingespielt und sind einfach geil." Ungezwungener sei die Geschichte mit HNO geworden... aber obs und wies genau weitergeht weiss Stefan nicht. "Ich bin eh ein Mensch, der nicht alles plant. Zwar versuche ich vorwärts zu kommen, aber vor allem dadurch, dass ich Gelegenheiten, die sich mir bieten, packe", sagt er und lächelt vielsagend. Auch hier gilt: Wir sind gespannt.