Urban Junior – Zu trashig für Littering… das Lakeside blieb sauber
"Ich weiss nicht immer genau was ich mache", erklärt Stefan alias Urban Junior zu Beginn des Interviews am Lakeside Festival in Hergiswil. "Es kommt sehr auf den Abend und das Publikum drauf an. An einem Festival ist das immer eine schwierige Sache. Ich bin eigentlich keine Festival-Band, ich liebe es viel mehr in Clubs zu spielen. Dann spiele ich gerne Lieder, die das Publikum wünscht, ohne sie jemals zuvor gespielt zu haben. Natürlich immer in meinem Electro Trash Blues Punk-Style. Von Lady Gaga über Van Halen zu Mani Matter sammelt sich alles ein bisschen zusammen. So kommt der Kern und die Energie einer One man band am besten zum tragen".
So passiert dann auch einiges. Von komplettem Müll, weil er den Song nicht kennt, bis zu den Momenten, in denen die Leute absolut ausflippen. Wenn es funktioniert und sich die Energie aufs Publikum überträgt, dann geht richtig was ab. Meistens funktioniert so ein Konzept natürlich wenn das Partylevel am höchsten ist und der Alkoholpegel noch ein wenig mithilft. Verwundert bestaune ich sein Equipment. Eine Pauke und eine Trommel, beides mit dem Fuss bedienbar, eine Gitarre, ein kleines Keyboard mit Trashsounds und anstelle eine Mikrofons steht ein Magephon.
Schweissgebadet, mit nacktem Oberkörper und Baseball Cap grinst er mich an. Die Hitze am Lakeside Festival ist enorm, und unter dem Zelt, in dem er spielt, staut sie sich zusätzlich. Mit radikalem Kraftaufwand bedient Urban Junior seine Werkzeuge, trasht sich von Song zu Song, manchmal nahe am Jazz. "An so einem Anlass wie dem Lakeside, wo vom Kleinkind bis zum Gemeinderat alles auf dem Platz steht, gibt es wohl nicht so viele Leute die Zuhause nicht den Sound hören. Da kommt eine One man band am besten zu tragen, wenn man seine musikalische Freiheit ausnützt. Du kannst langsamer werden, schneller werden, lauter, leiser, man kann direkt in einen anderen Song wechseln. Ich glaube, was die Leute an einer One man band am meisten fasziniert, ist das eine Person so viele Sachen alleine bedient und ein Sound entsteht, der von einer ganzen Band sein könnte", meint Stefan.
Seit 2003 ist Stefan mit diesem Konzept unterwegs. Irgendwann hat er jemanden gesehen, der das machte. "Ich habe dann gedacht, das kann ich auch", lacht er. "Ich bin nach Hause und habe es ausprobiert." So hat die Idee begonnen, sich weiterzuentwickeln und ist offensichtlich besser geworden und gereift. "Die Diskussionen in der Band hatte ich satt. Ich wollte Musik machen, nicht reden, mich wieder so fühlen wie mit 14 Jahren. So stand die Band vor der Auflösung", erklärt der Multiinstrumentalist und frühere HNO-Mann.
Sein aktuelles Album "Two headed demons" ist seit Anfang Mai auf dem Markt. Mit dem Berner Kultlabel Vodoo rhythm wird die Scheibe auch weltweit vertrieben. Es folgen ein gutes Duzend Konzert in der Schweiz, nach den Sommerferien folgen noch ein paar Festivals, dann folgt eine vierwöchige Europatour mit Destinationen wie Portugal, Spanien, England, Deutschland, Holland, Belgien, Schweden, Dänemark und Italien. Durch das ein Label gefunden wurde, das weltweit vertreibt, ist so etwas um einiges einfache zu bewerkstelligen. "Es ist schon fast perfekt. Ich muss die CDss nicht mehr von der Bühne verkaufen. Die Leute können sich die Scheibe einfach im nächst besten Plattenladen reinziehen", freut sich Stefan. Der Familenvater, der noch teilzeit arbeitet, obwohl er von seiner Musik Leben könnte, ist zu gerne mit seinen Kindern zusammen. "Darum will ich gar nicht so viel unterwegs sein", meint er.
Seine Ideen kommen ihm überall, jeden Moment. Im Tram, auf dem WC oder wo auch immer. "Meistens kommen sie, wenn ich überhaupt keine Zeit habe dafür", lacht Stefan. Der Musiker, der nicht übt, verwertet seine Ideen dann auch Live auf der Bühne. "So merkt man sofort, ob eine Idee funktioniert oder nicht", führt er aus. "Mir gefällt, dass ich überall hinstehen kann. Ich brauche kein PA. So laut wie das Megaphon ist, so laut ist der Sound", meint Urban Junior. So hat er an einem Festival auch schon im WC-Wagen gespielt. Im Frauenklo notabene. "Der Albtraum jeder Frau", lacht er. Auf Bars, hinter Bars, auf Schiffen, auf Strippbühnen, was auch immer. Wo ein paar Quadratmeter Platz sind kann der Mann sich hinstellen. Was er dann auch gerne in seiner Verrücktheit tut. "Das spannende an solchen Sachen ist, dass in solchen Momenten etwas passiert, das die Leute nicht erwarten", strahlt der Musiker. "Es ist keine Bühne. Es sind Orte, an dene der Künster und die Zuschauer verschmelzen. Ich könnte an jeder Ecke spielen. Dies ist auch der Sinn der ganzen Sache", freut er sich.
Dann erzählt der Pajazzo noch ein paar Anekdoten aus seinem Künsterleben. So sei er gebucht worden als Opener für Iggy Pop and the stooges im KKL in Luzern. Untergebracht wurde er im Füfsternhotel Schweizerhof. Als er zum Frühstücksbuffet wollte, verirrte er sich in den riesigen Flügeln des Hotels. Als er dann endlich einen Fahrstuhl fand, öffnete sich die Türe und Iggy Pop mit Freundin und Manager standen vor ihm. Iggy Pop im rosaroten Smoking, rosarotem Hut und gleichfarbigen Cowboyschuhen. Der 1,60 grosse Iggy Pop verschwand förmlich neben seiner etwa zwei Meter grossen farbigen Freundin mit einer enormen Oberweite in einem knallengen Neongelben Kostüm. Daneben stand sein Manager, noch kleiner als Iggy Pop und ein echter Dani de Vito-Verschnitt. "Ich kriegte einen Lachanfall. Das Bild war so skurril, ich konnte mich kaum noch erholen", lacht Stefan. "Das schlimmste und traurigste war mein erster Gig in London. Vor und nach mir spielte eine Super Band, ich mitten drin. Nach zwei Minuten gab mein Equipment den Geist auf. Nichts funktionierte mehr. Dann sitzt du da und musst dir etwas einfallen lassen. Der Einfall ging dann auch dementsprechend in die Hosen. Ich spielte 30 Minuten lang Mani Matter Lieder in Punk Version. Vollgas! Bis sie mich von der Bühne holten." Heute lacht er darüber. "Der Club war voll. Etwa vier Leute klatschten. An dem Abend habe ich mir wenige Fans gemacht".
Wo dies noch hinführe war meine abschliessende Frage an Stefan. "Keine Ahnung. In die Hölle wahrscheinlich", meint er. Hoffen wir dass er da noch lange nicht gebraucht wird.