Toni Vescoli – auf Zeitreise
29.12.2010/Text: DasSchaf, Bilder: Toni Vescoli
Toni Vescoli ist eine Legende. Eine lebende, versteht sich. Welcher Schweizer Musiker trat schon im Vorprogramm der Rolling Stones oder von Bob Dylan auf? Als „kleiner Elvis“ Vescy macht er seine ersten Bühnen-Gehversuche in den 50ern, danach entdeckt er die elektrische Gitarre und den Sound der Beatles. Als „Swiss Beatles“ mischt er in den 60ern mit seiner Band „Les Sauterelles“ die Schweizer Musikszene auf. In den 70ern und 80ern ist er eher folkig mit Gitarre unterwegs und danach, seit den 90ern, prägt Americana seine Musik. „Dieses Schubladisieren habe ich nie gemocht, heute stehe ich aber ein wenig drüber – es gehört zu mir, dass ich verschiedene Phasen und verschiedene Musik gemacht habe. Die Vielfältigkeit der verschiedenen Lebensphasen eben“, sinniert Toni Vescoli.
Sein neustes Werk ist das Doppel-Album „Zyt-Reis“. Eine Zeitreise durch die 70er und 80er des Toni Vescoli. „Ich hatte lange ein Problem mit meiner Vergangenheit als Latzhosentragender Folksänger. Nicht weil ich nicht hinter dem stehe, was ich gemacht habe, sondern weil ich belächelt wurde. ‚Der Pfadi-Vescoli mit der Pfadi-Gitarre’ hiess es. Das hat mich schon gestört“, so Vescoli, „aber ich durfte merken, dass man mich eben wegen meiner vielfältigen Vergangenheit als Musiker mag. Und diese Folksongs gehören dazu.“ Eine Art Versöhnung mit der Vergangenheit also, ein über den Schatten springen für die eigene Geschichte. Toni schmunzelt: „Ja, schon ein bisschen. Ich kann nun auch zu diesen Kindchen stehen, auch wenn sie ein wenig brav und ‚handglismet’ daherkommen!“ Brav sind sie, ja. Aber so charmant! Songs wie „Susann“, „S’Pflüümli“ oder „Es Pfäffli“ sind einfach herzerwärmend. Eine Platte voller Stimmungen, einfach, wie er sagt „handglismet“, und eben dank ihrer Einfachheit so erfrischend. Es ist ein nicht unbedeutender Teil von Vescolis Musikerdasein – und verstecken muss er diesen nicht. Auch wenns nicht die Rockstarvergangenheit ist, es ist eine Vergangenheit mit viel Herz. „Das Echo an den Konzerten ist super. Die Fans mögen es, wenn ich diese Songs an meinen Konzerten spiele – ich spiele ja nicht das ganze Konzert mit der Pfadi-Gitarre“, grinst der lebendige, bald 70jährige Sänger, „ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig, ich glaube drum funktioniert das so gut. Das musste ich halt auch lernen – man lernt ein Leben lang nie aus.“
Die Einfachheit der Songs auf „Zyt-Reis“ wirkt in unserer Zeit schon fast aussergewöhnlich. Obwohl Obwohl die Songs neu gemastert wurden, behielten sie den Charme der Zeit, in der noch nicht alles computergesteuert war in der Musik. „Die heutige Zeit bietet so unendlich viele Möglichkeiten. Ich mag das Analoge halt immer noch, damit bin ich aufgewachsen“, erklärt Vescoli. Und er verrät mir auch gleich etwas über sein nächstes Projekt: „Das heisst dann ‚Elei dihei’ oder ähnlich. Ebenfalls einfach gehalten, werde ich zu Hause, reduziert auf wenig, musizieren. Und wie man zu Hause auch mal Gäste empfängt, werde ich auch da mal musikalische Gäste empfangen.“ Ein Jahr Zeit will er sich geben – und es einfach mal geschehen lassen. Entspannt tönt das, und genau so wirkt auch der erfahrene Musiker. Er macht genau das, was ihm gefällt, in all seiner musikalischen Vielfältigkeit. „Mein Produzent in den USA, der versteht ja keine Mundart. Der hört die Songs ganz anders als ich, das gibt dem ganzen immer wieder einen neuen Blickwinkel“, sagt es und lächelt zufrieden.
Eine lebende Legende, ein gestandener Musiker, bescheiden und sympathisch. Ein Ellenbögeler sei er nicht, und auch seine Auftritte managt er selbst. Ein stiller, respektvoller Kämpfer, der in jungen Jahren gegen den Willen seines Vaters den Weg des Musikers eingeschlagen hat und sich seinen Platz erkämpft hat. „Den Prix Walo für mein Album ‚Tegsass’ war schon eine Ehre und ein schöner Augenblick in meiner Musikerkarriere. Mit Preisen wurde ich ja nicht verwöhnt. Die geforderten Zahlen für goldene Schallplatten in der Schweiz wurden ja immer wieder herunterkorrigiert – leider zu spät! Heute würde es schon reichen, in meiner Laufbahn hats leider aber nie gereicht“, lacht Toni Vescoli und fügt schelmisch grinsend hinzu, „mit dem Prix Walo musste ich so immerhin nicht erst bis zum Lebenswerk warten.“ Ein vielfältiges Lebenswerk ist es auch ohne Preisflut, und wir freuen uns über mehr – und natürlich auch über die Zeitreise mit „Zyt-Reis“. Ein Stück Schweizer Musikgeschichte, „handglismet“ und einfach charmant!