Valium 21: Form kommt vor Inhalt.
Text: Ko:L
Bilder:
PartyGuide.ch, Stefan Keller
Die Situation mutet fast schon etwas skurril an: Vier Kerle sitzen am Tisch, diskutieren engagiert, gestikulieren, argumentieren, interpetieren Sound, Text, Form und Inhalt, philosophieren über britisch klingenden Sound, Reime, Form und Farbe von Textfragmenten einer Schweizer Mundartband. Wer genau hinhört, stellt fest: die Jungs unterhalten sich in Englisch – und erkennt unschwer fest: Der grösste Teil der Diskutierenden ist nicht wirklich Englisch sprechend. So how come?
„Coldplay“ zuckt es durch den Kopf, als Bohdan (git/voc), Pez (bass), Pat (git) und Jörg (dr) loslegen; am Samstag Abend, auf der Newcomer Stage am Insomnia in Solothurn, dem PfadiFolkFest. Von Schrummelpop schreiben die vier, die sich Valium21, nennen auf ihrer Homepage. Und der Konzertbesucher sagt zu seiner Begleitung: „Schau mal, mir stellt es die Haare.“ Gänsehaut, das ist ist es, was Valium 21 provozieren. Ihr Rock ist direkt. Aber ihr Rock ist nicht schnörkellos, verlieren kann er sich durchaus - aber nie das Publikum aus seinen Fängen. Emotionen sind es, die Valium21 verbreiten, in Klang und Wort. Feinfühlig und filigran kann der Sound der vier Zürcher durch das Zelt schweben, selbst wenn von der Hauptbühne der Rockband dröhnen. Und wenns den Vieren zuviel wird, dröhnen sie zurück und rocken selber – und für einen kurzen Augenblick bleiben sogar die Schnörkel auf der Strecke. Aber nur für einen kurzen Augenblick... Denn Valium muss betören, gefangen nehmen, einlullen.
Auch Pat hat's so erwischt. Der Neuseeländer spricht kein Wort Schweizerdeutsch. Aber er fand den Sound von Valium21 im Internet. Und als Bohdan und er zusammen einen Termin vereinbaren wollten, merkten sie, dass sie an der selben Strasse wohnen. Und selbst wenn er demnächst die Band wegen „beruflicher und familiärer Neuorientierung“, wie es so schön heisst, verlassen wird, sagt er: „I like that sound!“ Aber: Damit hat sich's auch schon. Nicht mit der Liebe zum Sound und den drei Jungs – aber mit den Erfolgschancen, die der von Geburt an Englisch Sprechende der Musik gibt, ausserhalb der Schweiz: „Deutsch klingt in meinen Ohren barsch und angriffig. International glaube ich nicht, dass da grosse Erfolgschancen exisitieren.“ Selbst wenn er die Musik von Valium21 als „sehr gut“ taxiert und Bohdan feststellt, dass „die Leute an unseren Konzerten bisweilen gar nicht bemerken, dass ich Züridüütsch singe und nicht Englisch.“ - „Vielleicht“, mutmasst der Sänger, „weil die Worte weniger wichtig sind, als das Gefühl.“
„Ich mag die Bands, die ich mag, wegen dem, was sie sagen – in ihrer Sprache und ihrer Kultur entsprechend“, sagt Bohdan, „und wenn ich das bewundere, kann ich nur das selbe auch tun.“ Sprich: Geschichten und Gefühle in Mundart zu verpacken. Aber eben: Es sind die Gefühle, die bei Valium21 im Vordergrund stehen, und nicht die Geschichten. „Wenn du bei anderen Bands, die Mundart singen, den Gesang wegnimmst, wird der Sound oftmals austauschbar. Wir gehen da in eine etwas andere Richtung“, ist er überzeugt. „Die Texte müssen nicht immer sehr nahe an den Leuten sein. Sie können auch träumerisch und etwas poetisch sein.“ Weil Musik und Texte immer als Gesamtes wirken...
Was aber nicht heissen soll, dass Bohdan dem Texten von Songs kein Gewicht beimisst, im Gegenteil: „Mein Ziel ist immer, einen idealen Mix aus Worten, deren Klangmalerei, dem Inhalt und den Emotionen, die ich damit vermitteln möchte, zu finden.“ Was allerdings auch das Risiko mit sich bringe, dass er manchmal zu weit gehe, gesteht er freimütig: „Ich versuche, möglichst wenig Worte zu benutzen – und manchmal geht es einfach durch mit mir und meinen Worten, so dass die Leute denken, 'Was zum Henker will er uns sagen?'. Aber immerhin, so denke ich, gibt der Sound oder die Farbe der Bilder die ich male den Leuten einen Hinweis darauf, was ich meinen könnte. Und so verstehen sie möglicherweise das Gefühl, das ich vermitteln will, selbst wenn sie die Worte nicht verstehen.“ Und wieder schliesst sich der Kreis mit Pat: Der Gitarrist, der kein Wort Deutsch spricht, singt und fühlt sehr wohl mit – und sagt: „Ich meine, ich liebe diese Band, weil ihre Musik so gut ist. Ich habe keine Ahnung, was Bohdan singt. Aber die Musik ist so gut, dass das mir genügt, um mitzuspielen und es zu geniessen!“