Vanessaedita: Gefühle sind alles
Text: Ko:L
Bilder: Debi
Die Zeit drängt, Vanessa und Edita warten an der Bushaltestelle. Der Bus lässt sich Zeit, kommt nicht, der Stressfaktor steigt. Plötzlich: „Boom, badaboom, badaboom, boom“, um die Ecke biegt ein roter BMW, Reifen quitschen, Beats pumpen. Er drosselt das Tempo, der Motor heult auf, der Fahrer präsentiert sich im Schritttempo dem vornehmlich weiblichen Publikum am Bus-Stop, solairumbraun, Goldketten, die im Brusthaar versinken. Es ist ein Reflex, keine einstudierte Choroeo; aber die Girls schauen sich an und zeigen wie auf Kommando den Mittelfinger. Und klar ist: „Das gibt einen Song!“ Die Musik von Vanessa und Edita ist "fadegrad", schnörkellos. Gitarre, Bass, Drum und zwei starke Stimmen, die starke Geschichten erzählen – ungeschminkt, direkt und schnörkellos. Darum auch der Auftritt an der dritten Thuner Rocknacht.
Ko:L: Ihr werdet als R´n´B-Act promotet, habt aber jetzt auf der Bühne bewiesen, dass ihr eben nicht umsonst hier an der Rocknacht gebucht worden seid. Was seid ihr? Popsternchen oder Rockgören?
Edita: Wir konnten unseren Sound nie wirklich definieren. Vanessa kommt eher vom Rock, ich eher vom Soul. Beides fliesst ein: Wir haben groovige Soulnummern, ebenso wie rockige Mittelfinger-Songs. Gut möglich, dass wir in die R´n´B-Ecke gestellt werden, weils Rock in Berndeutsch schon zur Genüge gibt, nicht aber R´n´B.
Ko:L: Es gibt diese Geschichte, von der Band, die ein Demo verschickt hat und die Plattenfirma hat dann nur die Backgroundsängerinnen – euch beide – unter Vertrag genommen. Wie ist das genau gelaufen?
Edita: Da ist was dran. In unserer HipHop-Phase, als wir noch in breiten Hosen und so unterwegs waren, haben ein paar Kollegen in ihrem Keller ein paar Tracks aufgenommen. Dort haben wir einen Refrain eingesungen. Später verschickten sie ein Demo, auf dem eben dieser Song auch drauf war und bekamen dann von einem Label Bescheid, dass der Sound zwar cool sei, aber das Label würde lieber mit den Sängerinnen was machen...
Ko:L: Hoppla. Reden die Jungs noch mit euch?
Edita: Jaja, klar. Sie haben ja noch vor uns - als Dopestumm - bei Soundservice eine Scheibe rausgebracht und in Bern damit ziemlich Erfolg gehabt.
Ko:L: Ihr seid schon zu Jahresbeginn als Entdeckung des Jahres angepriesen worden. Wie lebt sich´s damit?
Edita: Es lastet ein gewisser Druck auf uns – und es ist seltsam, wenn dich im Radio einer ankündet, als wärst du jetzt der Superstar und dabei haben wir noch nicht einmal gross was erreicht...
Vanessa: Aber all die positiven Feedbacks sind auch cool. Es macht uns auch ein bisschen stolz, wenn wir sehen, wieviele Leute hinter uns stehen und an uns glauben.
Ko:L: Glaubt ihr beide denn auch so heftig an euch selber?
Vanessa: Sehr, ja!
Ko:L: Woher nehmt ihr dieses Selbstvertrauen?
Edita: Uns wurde nicht alles in den Arsch geschoben.. Wir mussten für alles, was wir in unseren Leben erreicht haben, hart kämpfen. Wir haben immer an uns geglaubt – und auch an Gott. Natürlich gab es Zeiten, in denen wir uns alleine fühlten. Aber mit viel Disziplin und Wille haben wir es bis hierhin geschafft.
Vanessa: Es gab auf diesem Weg auch immer wieder Leute, die uns Steine in den Weg legten. Und genau diese Leute haben uns nur bestärkt. Je mehr sie auf Kontra gemacht haben, umso mehr haben wir gesagt: „Wartet ihr nur!“, und noch mehr Gas gegeben.
Ko:L: Seid ihr noch nie an einem Punkt angelangt, an dem ihr umkehren musstet; an einem Hindernis, das ihr nicht überwinden konntet? Im Leben generell und besonders in der Musik...
Edita: Bei der Musik nicht, da gehen wir über jeden Stein. Sonst gibt es immer Situationen, in welchen man denkt „Nein, jetzt kann ich gerade nicht Vollgas geben, jetzt muss ich die Sache einmal aus einer anderen Sicht betrachten.“ Das war für uns sehr wichtig, dass wir immer am Boden bleiben, gerade als alle uns gelobt haben und erzählten, wie geil das Album sei. Wir sind aber am Boden geblieben – und das wird immer so sein!
Ko:L: Könnt ihr das? Trotz des Hypes, der um euch abgeht?
Vanessa: Ich nenne diesen einfach Glück.
Edita: Es ist ein schräges Gefühl, wenn wir plötzlich soviele Komplimente erhalten. Wir sind beide recht selbstkritisch und wissen beide genau, ob etwas gut war oder nicht. Natürlich ist es geil, wenn man die Leute auch mit wenig überzeugen kann... aber ich bin überzeugt: Wir können auf dem Boden bleiben. Ich glaube nicht dass ich einfach so abheben könnte, dafür kenne ich mich zu gut.
Ko:L: Wie seid ihr als selbstkritische Sängerinnen zufrieden, nachdem das Album ein paar Wochen in den Läden steht und ihr eine Handvoll Gigs gespielt habt?
Vanessa: Positiv überrascht – aber wir wollen noch viel mehr geben!
Ko:L: Edita, du hast vorhin gesagt, du würdest über jeden Stein gehen. Würdet ihr auch über Leichen gehen?
Edita: Wie meinst du das jetzt genau – mit dem Boss einer Plattenfirma in die Kiste steigen oder so? Ne, ich meine, kommt immer drauf an, für wen oder was. Für Vanessa würde ich die Hand ins Feuer legen. Aber es gibt Sachen, die kommen nicht in Frage. Aber am Ende kommts immer drauf an, worum es gerade geht...
Vanessa: Aber ich würde für Edita verdammt weit gehen.
Ko:L: Und für die Musik?
Beide zusammen: Sowieso!
Ko:L: Ok, orakeln wir weiter über Wenns und Abers: Gesetzt den Fall, es kommt ein Manager und sagt „Edita, ich will dich international herausbringen, Vanessa, du kannst noch ein, zwei Backings machen“, oder umgekehrt. Was passiert?
Vanessa: Über so Zeugs müssen wir gar nicht diskutieren.
Edita: So weit denken wir gar nicht. Wir haben noch gar nicht recht geschnallt, dass eben die zweite Single an die Radios gegangen ist. Ich bin eh der Typ Mensch, der viel aus dem Bauch entscheidet. Vanessa ist 22, ich bin 21 – da stehen uns – hoffentlich – noch viele Türen offen. Aber jetzt ist erst einmal unser Album da, wir wollen Gigs spielen, die Leute überzeugen und hoffen, dass sie mit uns mitkommen.
Ko:L: Kommen wir zu euren Texten: Wie heftig macht ihr Seelen-Striptease und was sind erfundene Geschichten?
Edita: Erfundene Geschichten... schön wärs! (seufzt)
Vanessa: Oh Gott, wir haben all das selber erlebt. Am Ende hatten wir sogar zuviele Songs und mussten einige streichen fürs Album. Es sind Geschichten, die uns geprägt haben, extrem geprägt haben. Wir sind dabei, diese Geschichten zu verarbeiten, durch die Aufnahmen im Studio, durch die Gigs oder durch Interviews... - echt, ist so! Und genau das macht Spass: Einfach rauslassen!
Edita: Es ist auch viel schöner, auf der Bühne zu stehen und eine Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern sie zu fühlen, weil man sie selber erlebt hat. Superman ist zum Beispiel einfach ein ironischer Lovesong: Ich habe ihn für meinen Freund geschrieben und dachte einfach, ich wolle nicht eine riesen Schmacht-Nummer schreiben. Uns ist enorm wichtig, dass wir die Songs wirklich fühlen. Es ist für mich ein extremer Unterschied, ob ich einen eigenen Song oder ein Cover singe. Manchmal muss ich mich auf der Bühne sogar zusammenreissen, dass nicht Tränen fliessen.
Ko:L: Ihr braucht die Musik in dem Fall, um Erlebtes und Gefühltes verpacken und verarbeiten zu können...
Edita: ...zum Leben, zum Atmen.
Ko:L: Warum gerade Musik? Ihr könntet ja auch ein Buch schreiben...
Vanessa: Oh, wie langweilig!
Edita: Nein, nein, nein.
Vanessa: Es gibt Leute, die malen; es gibt Leute, die schreiben; es gibt Leute, die flicken Velos; es gibt Leute, die tunen Autos oder weiss ich was – und wir machen halt Musik.
Edita: Es geht nicht darum, dass wir allen unsere Gefühle mitteilen wollen. Aber wir möchten, dass andere verstehen, was wir fühlen. Wenn ich einen Song schreibe, denke ich oft: „Mich versteht kein Schwein!“ Dann versuche ich einen Text so zu schreiben, dass die Leute mich verstehen. Dass ich auf der Bühne fragen kann „Hey, versteht ihr mich, fühlt ihrs auch?“ Und wenn eine Art „Ja“ vom Publikum zurück kommt, ist das enorm erleichternd.
Ko:L: Und? Haben sie euch verstanden bisher?
Edita: Ich glaube schon. Es ist wahnsinnig schön, den Leuten in die Augen zu blicken und zu sehen: Ich verstehe dich und du verstehst mich.
Ko:L: Wie geht ihr damit um, dass andere Leute plötzlich eure Gefühle, die ihr in euren Songs transportiert, übernehmen und für sich beanspruchen?
Edita: Das ist halt so. Wenn ich selber Musik höre, assoziiere ich auch praktisch mit jedem Song eine Situation aus meinem Leben, nach dem Motto „Shit, das hätte ich schreiben können.“
Ko:L: Wie sieht das in Sachen Songwriting aus: Vannessa kommt aus dem Rock-Sektor, Edita aus dem Soul – und jede noch mit ihren eigenen Gefühlen und Eindrücken. Wie entstehen die Songs: Beim gemeinsamen Austüfteln oder schreibt jede für sich?
Vanessa: Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Songs zusammen geschrieben, ich habe meine Songs und Edita ihre Songs gemacht – wirklich kreuz und quer durch den Gemüsegarten.
Edita: Das Beste ist, dass uns die Ideen zu den Songs immer in den dümmsten Momenten kommen. Wir haben wirklich immer Block und Stift dabei – wenn wir´s nicht aufschreiben, vergessen wir die Idee wieder.
Vanessa: Dafür passiert es auch, dass wir uns zum Texten verabreden und dann sitzen wir vor dem Block und es kommt nicht. Dann gibts halt Filmabende oder Pyjama-Parties.
Ko:L: Jetzt ist das erste Päckli Songs mal gebündelt und auf CD verewigt. Wie gehts weiter? Schreibt ihr laufend neue Songs oder geht ihr irgendwann ganz bewusst ans schreiben von neuem Material?
Edita: Das ist ein minütiger, stündlicher Prozess. Wir sind dauernd am schreiben. Es gibt Tage, da könnte ich zehn Songs schreiben. Es gibt Tage, da kommt mir gar nichts in den Sinn – und ich mag mich auch nicht damit befassen. Aber es gibt immer wieder Sachen die einen berühren, von denen man weiss „Das muss raus!
Ko:L: Findest du immer Antworten auf diese Fragen?
Edita: Nein. Die erste Single, „Wenn ig nume wüsst“ ist genau so einer. Es gibt kein Happy End in diesem Song – bis heute nicht.
Ko:L: Gibt es eigentlich auch Geschichten, die Stoff für mehrere Songs hergeben?
Edita: Ja. „Chum zrügg“, „Bi gange“ und „Es rägnet i ströme“ sind drei Phasen die Vanessa mit jemandem erlebt hat und ich genauso – dieses Gefühl eben „Hey, komm zurück“, dann die Überzeugung „Es ist gut so – jetzt bin ich definitiv weg“ und am Ende die Erkenntnis „Ich habe Mist gebaut“. Es wäre schade, alles in einen Song zu verpacken, denn am Ende geht es um drei verschiedene Gefühle.
Ko:L: Wie geht ihr damit um, dass irgendwelche wildfremden Typen plötzlich kommen und euch nach euren Songs, nach euren Gefühlen und damit unter Umständen nach eurem intimsten Privatleben ausquetschen – und das Ganze noch in der Öffentlichkeit?
Edita: Wir sind ehrlich – und wenn uns was nicht passt, sagen wir schon „Halt!“
Vanessa: Es gibt schon Grenzen – aber wir sind offen und wollen ja schliesslich über unsere Erlebnisse reden. Aber wenn jemand zu tief gräbt, dann brechen wir ab.
Edita: Es gibt halt wie überall im Leben Momente, in denen du sagen musst, „Hey, das lass ich mir nicht bieten. Ich bin gut, und ich sage das auch!“. Genau aus diesem Gefühl ist „I bi so guet“ entstanden.
Ko:L: Aber genau vor diesem Song zickt ihr euch ziemlich an. Ist dieses Intro inszeniert – oder ist das real und das Band ist einfach mitgelaufen?
Edita: Das istecht. Wir waren beide so auf der Schnauze, „I ma nümm, wott heeeeiii!!“, an jenem Tag...
Vanessa: ...wir waren beide auf 180 Grad.
Edita: Und wenn du genervt bist, brauchts halt manchmal nicht viel.
Ko:L: Wie oft und wie heftig gibts oder brauchts dieses Gezicke überhaupt bei euch?
Vanessa: Es brauchts!
Edita: Es ist wichtig, dass man manchmal einfach die Meinung sagt. „Hey, sorry, aber was du heute trägst, ist einfach Scheisse!“ - „Findest du? Schau dich doch mal selber an...“
Vannessa: Das reicht manchmal schon für einen Krach – aber am Ende bist du einfach ehrlich gewesen. Und nachtragend sind wir nicht. Aber das gehört zu einer Freundschaft – oder zu einer Beziehung: Es knallt – aber dann wirds ausdiskutiert und abgeschlossen.