Vivians Heimspiel am Openquer
Text/Bilder: Monthy
Seit der blamablen Heim-EM 2008 und dem sensationellen Sieg über Spanien in der Fremde weiss der Schweizer, ein Heimspiel ist nicht automatisch einfacher. Das Unwort Heimnachteil machte denn auch Eishockey-Papst Krüger zum Buhmann, als er sich erfrechte, das schlechte Abschneiden seines Teams mit den gesteigerten Erwartungen zu begründen. Was hat das nun alles mit Vivian zu tun? Die Luzerner Rocker sind in Zell wenn auch nicht Standard, so doch häufige Gäste. Und sie können ihre Fans in Zell fast in corpore beim Vornamen nennen. Fronter Roger taxiert das Stresslevel denn auch höher als normal ein: "Es ist mehr Stress für uns. Wir haben ja schon öfter hier gespielt. Und komischerweise passiert uns hier eigentlich immer ein Missgeschick. Pannen mit dem Bass oder es funktioniert sonst etwas nicht. Das kann schon mit der Aufregung zu tun haben. Man kennt uns halt hier und wir kennen die Leute. Das treibt uns zu mehr Fehlern als normal."
Mit den Erwartungen ist es ja so eine Sache. Die Fans in Zell verzeihen "ihren" lokalen Helden ja durchaus Fehler. Ist es vielleicht mehr eine mentale Sache - fühlt man sich mehr verpflichtet, weil man den Leuten auch sonst ab und zu in die Augen schauen muss? - "Die kennen uns halt alle persönlich. Vielleicht will man es dann besonders gut machen. Vor total fremdem Publikum haben wir nämlich fast nie Probleme oder Pannen. Wir haben auch immer tolle Stimmung und sind hemmungsloser." Umgekehrt höre ich daraus, merken die Bandmitglieder also, dass es irgendwie nicht vollgas läuft. "Ja, das merkt man ganz extrem. Wenn die Stimmung gut ist, geht's in der Band auch voll ab. Hemmnisse wirken sich sofort auf alle Mitglieder aus. Alle haben Freude. Wenn etwas passiert, ist das ein Bremser für alle. Man muss dann einfach positiv bleiben und weitermachen. Dass jeder Künstler immer denkt, man höre jeden Fehler, den er macht, ist nämlich ganz natürlich."
Normalerweise sitzt man auf einer Tour oder schon nur für ein Festival im Tourbus ein bisschen eng aufeinander. Beim Heimspiel in Zell dagegen haben wohl alle zu Hause gegessen. Roger relativiert aufs Jahr 2010 bezogen. "Wir sind heuer gar nicht so viel unterwegs. Auch weil wir momentan nichts Aktuelles auf dem Markt haben. Deshalb spielen wir ein paar Gigs und sind daneben parallel auch noch im Studio. Wir wollen einfach nicht einrosten und spielen deshalb einige Openairs und Club-Gigs." Das Wechselspiel stellt die Band noch vor zusätzliche Herausforderungen. "Gestern haben wir zum Beispiel unplugged gespielt, heute wieder unter Strom. Die Situationen sind total unterschiedlich. Man muss wirklich den Schalter immer wieder umlegen. Die Songs tönen mit oder ohne Strom halt schon sehr unterschiedlich. Das war gestern sehr schwierig, auch wenn es super angekommen ist." Um zurück zum Fussball zu kommen - man sagt ja, ein Spiel sei das beste Training. Gilt das nun auch für Vivian? Roger: "Ja, absolut. Du kannst 20 mal proben für ein Konzert. Wenn dann das erste Konzert einer Tour kommt, ist das wie eine Prüfung. Wenn der gut kommt, dann geht der Rest fast automatisch. Bei mir ist das jedenfalls so."
Die parallelen Studioarbeiten interessieren natürlich ganz besonders. Was hat Roger dazu zu erzählen? - "Das letzte und auch das vorletzte Album waren für unsere Verhältnisse sehr poppig. Nun hat sich das Bedürfnis gezeigt, wieder etwas härter zu werden, kantiger, erdiger..." Fertiggestellt und veröffentlicht wird es definitiv erst nächstes Jahr, wie Roger auf meine Nachfrage kundtut. Damit dürften zukünftige Vergleiche mit den aus der gleichen Region stammenden Dada ante Portas hinfällig werden. Der anhaltende Siegeszug des Hardrocks - in der Schweiz an den Namen Krokus und China aufzuhängen - ist zwar nicht direkt mit Vivians Wunsch nach mehr Härte verbunden. Aber mehr Nachfrage in dem Sektor lässt auch anderen Rockbands wieder mehr Optionen.
Zwar macht sicher jeder Musiker hauptsächlich sein Ding und lässt sich nicht reinreden. Trotzdem öffnen solche Tendenzen Türen. Wenn im Radio tendenziell härtere Songs auch eine Chance erhalten, bleibt das von den Musikern nicht unbemerkt. Roger relativiert in einer Hinsicht: "Schlussendlich - wenn du aus vierzig Songs einen guten hast, dann ist er es. Daran ändert das auch nichts. Aber das ist auch genau das mit Dada ante Portas - Ähnlichkeiten zwischen ihnen und uns gibt es nämlich hauptsächlich bei den Radiosongs. Live ist es eine ganz andere Geschichte. Das wollen wir hinsichtlich Zukunft bei uns korrigieren."