Volt elektrisierten Thun
Text: Ko:L
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„Ich spiele nicht gerne in Thun. Da kennst du fast jedes Gesicht im Publikum und dazu noch eine Geschichte – und vor allem weiss jeder eine Geschichte über dich!“ TJ Gygers Statement verblüfft: Von dieser Abneigung des Volt-Keyboarders gegenüber Heimspielen war während der Premiere des neuen Rock-Quintetts am Thuner Schadaufestival nicht zu erkennen. Gyger und seine Mitstreiter Slädu (git), Nico Looser (dr), Gee K (voc) und Rossano Eleuterie (bass) legten am frühen Samstag Abend eine Performance auf die Bretter im „schönsten Garten der Schweiz“ (Zitat DRS3), die sich gewaschen hatte. Kompakt, griffig und mit viel Emotionen rockten die fünf eine gute Stunde lang. Und obwohl die Band bisher weder einen Tonträger veröffentlicht, noch ein Konzert gegeben hat, liess sich das Publikum von Beginn weg von der geballten Rock-Welle, die ihm entgegenschwappte, mitreissen.
Ein „verreckter Moment“ sei es gewesen, als er zu Konzertbeginn oben auf der Bühne gestanden habe, sagt TJ. „Wir haben uns das seit 12 Jahren gewünscht und auf diesen Moment hingearbeitet – mit eigenem Material auf der Bühne zu stehen. Irgendwie war es surreal, plötzlich da oben zu stehen und diese Songs zu spielen. Aber die Band gibt mir soviel Sicherheit, dass es einfach nur geil ist!“ Denn: Auch wenn Volt am Schadaufestival ihr erstes Konzert spielten - Newcomer sind die fünf Herren schon lange nicht mehr. Allesamt Profimusiker, Gee, Slädu und TJ mit abgeschlossenem Studium in den USA und alle zusammen mit Engagements bei Gölä, DJ Bobo, Florian Ast, Baschi und anderen nationalen und internationalen Top-Acts – ein Renommee, das auch auf der Bühne zu spüren ist – in Form einer unglaublichen Professionalität und einer Bühnenpräsenz, die nur mit jahrelanger Erfahrung gewonnen werden kann.
Die Songs, die Volt in Thun präsentierten, gehen zum Teil zurück auf drei-, vierjährige Fragmente, die TJ und Slädu zusammen erarbeitet haben. „Den richtigen Kick gabs, als wir vor zweienhalb Jahren Gee fanden“, sagt TJ. „Da begannen wir, wirklich an den Songs zu arbeiten – vor allem aber die gemeinsame Philosophie zu ergründen; wissen, was wir wollen und vor allem wissen, was wir nicht wollen. So entstand ein echtes Gemeinschaftswerk.“ Und dann holt TJ Anlauf, ein altes Klischee aus der Musik als gültige Wahrheit zu bestätigen: „Du kannst die besten Musiker dieser Welt zusammen auf eine Bühne stellen und es kann tönen, wie eine Anfängerband. Du musst einen gemeinsamen Nenner finden, eine Philosophie und Emotionen, die transportieren kannst. Wir standen zum ersten Mal gemeinsam im Übungsraum – und es kam vom ersten Schlag an was. Ich ging am Abend nach Hause und dachte, ich spinne. Ich bin kein Freund von Klischees wie ‚Wir haben uns gefunden und es war wie eine Hochzeit und wir sind tolle Freunde geworden’ – Aber hier ist jeder so gut in seinem Fach, weil er sein eigenes Ego zurückstellen kann. Darum funktioniert es.“ In der Tat: Wenn vier der besten Musiker der Schweiz und ein italienischer Kollege von Weltformat gemeinsam auf der Bühne stehen und keiner versucht, aus dem Kollektiv auszubrechen, dann muss etwas spezielles passiert sein…
„Ich war sehr rasch in das Gespann TJ-Slädu integriert“, erinnert sich Gee, „weil unsere Philosophien sehr ähnlich sind.“ Und obwohl da ein Team am Werk ist, redet Gee davon, dass sie beim Songwriting immer kompromissloser geworden seien. „Es musste nicht jeder einen Kompromiss eingehen. Weil wir alle die gleichen Ideen hatten, konnten wir diese immer kompromissloser verfolgen.“ Die Konsequenz: Die „Livesau Gee“, wie TJ sagt, und die beiden Studio-Freaks Slädu und TJ haben ein Destillat aus je rund 20 Jahren Musikschaffen auf eine energie- und emotionsgeladene Mischung reduziert, die dem Namen Volt mehr als gerecht wird.
Trotz vielen positiven Reaktionen waren die Gefühle bei Volt nach der Show gemsicht: „Fürs erste Konzert wars gut“, meinte Slädu selbstkritisch. Bei Gee hingegen fühlte es sich gut einer Stunde nach dem Konzert „immer besser“ an: „Es macht giggerig uf meh! Das war nur der Anfang!“ Jetzt gehe es darum hinter den Kulissen wieder Gas zu geben, Plattenfirma, Management und Bookingagetur zu finden. „Wenn möglich“, wie Gee sagt, soll noch dieses Jahr das Album, das seit gut zwei Jahren in Arbeit ist, erscheinen. Ob ind er Schweiz oder im Ausland, spielt Volt nicht mehr eine grosse Rolle: „Wo Musik stattfindet, ist eigentlich egal“, sagt TJ. „Wir haben in der Schweiz nach wie vor einen funktionierenden Musikmarkt. Während du hier nach einem Konzert mit einem Chilbischeck und einer Bratwurst rausläufst, zahlst du in den USA, um spielen zu dürfen.“ Aber dank dem, dass alle Bandmitglieder ihre Erfahrungen im Business gemacht haben, „lassen wir uns auch keine Illusionen mehr verkaufen“, wie TJ es ausdrückt. Sobald das Album da ist, sollen dann auch weitere Konzerte folgen.
Übrigens: Während TJ Gyger in den letzten Jahren mit verschiedenen Formationen vor heimischem Publikum aufgetreten ist, liegt Slädus letztes Konzert in Thun etwas weiter zurück. „Das war 1998“, erinnert er sich, „eines der allerersten Konzerte mit Gölä – bevor alles seinen Lauf nahm.“ Wenn das kein gutes Omen ist…