Listening Session mit Weyermann
Text: Monthy
Bilder: Cover/Nick Heizmann/Monthy
Einer meiner fleissigsten Gäste in unbescheiden "gehaltvoll" genannten Talks ist: Adi Weyermann. Und das kommt natürlich nicht von ungefähr. "Wood" ist sein nunmehr viertes Soloalbum und wurde in einer doppelten Recording-Session Anfang Jahr zeitgleich mit seinem Vorgänger "Pool" eingespielt. Nun könnte man daraus kombinieren, die beiden seien auch musikalisch sehr ähnlich. Aber dem ist Weyermann im voraus begegnet, indem er den beiden Alben klare Gefühlslagen zuteilte. "Pool", das eindeutig coolere Album erschien im Frühling und sorgte mit energiereichen, rohen Tracks für mächtig Aufsehen, allen voran der Single "Echo". Jetzt in der Adventszeit folgt mit "Wood" ein nicht unbedingt nachdenkliches, sondern viel mehr beschauliches Album. Die Instrumentierung der Songs lässt Raum, das Tempo ist teilweise aufreizend langsam und Adi's Stimme hangelt sich über die Tonleiter, dass man hie und da glaubt, einen Ton hören zu können, den es bis anhin noch gar nicht gab.
Vor dem Gespräch habe ich mir eine Informationssperre auferlegt und mache auf einen der drei Affen, die - für einmal - nichts Gutes sehen, nichts Gutes reden und hauptsächlich nichts Gutes hören wollen. Damit ist nämlich ein absolut frischer Eindruck meinerseits garantiert. Dass ich Adi überraschen kann, brauche ich zwar nicht zu beweisen. Schliesslich erwartet er bei mir mittlerweile schon das Unerwartete. Trotzdem ist's wohl nicht gerade alltäglich, dass ein Journalist CD-Player und mobile Boxen auf den Tisch stellt, die CD aus der Hülle schält und einlegt und danach den Star frech fragt, wie oft seiner Meinung nach ein gesunder Mann pro Nacht mindestens Sex haben können sollte? "Einmal", sagt Adi nach kurzem Überlegen bescheiden und schmunzelt, wobei er die Gründe natürlich für sich behalten darf. Mir geht's dabei nur um die Zahl - konkret die eins. Also stelle ich Track "1" auf meinem Player ein und drücke Start. "Leaving" dokumentiert den Unterschied zwischen "Pool" und "Wood" mit ganz wenig Konturen, sprich einer anfangs einsam tingelnden Gitarre, die Adi's leichte Stimme durch die erste Strophe geleitet. Selbst im Chorus hält sich die Perkussion ganz ruhig im Hintergrund. Sie kommt und geht dann praktisch unbemerkt im Song, während ein Cello und ein Piano die Geschichte mit zu Ende erzählen. Worum es darin genau geht, erklärt mir Adi unter anderem in eigenen Worten: "Ich wollte mein Versprechen natürlich gleich zu Beginn einlösen und habe einen leisen Song an den Anfang meiner leisen Platte gesetzt. Es ist mehr Kammermusik und stellt meine Melodien und meine Stimme betont in den Vordergrund. Konzipiert war der Song eigentlich für den Schluss, aber dann hat der Wind gedreht und wir fliegen jetzt erstmal ab, damit es losgehen kann. Das porträtiert auch irgendwie die Frau, um die es im Song geht. Eine Frau, die erst geht, wenn sie gewonnen hat."
Adi's Geburtstag liegt im Monat Juni, was ich ohne Frage gar nicht gewusst hätte, wobei es mir aber wiederum mehr um eine Nummer ging. Die 6 heisst "Wake her up" und birgt den doppelten Adi in sich. Zweistimmig gesungen, dazu eine akustische Gitarre und einen vom Neck-Slide roten Daumen. Ein bisschen Ry Cooder gemischt mir der Zerbrechlichkeit der jungen Beatles. In der Evolution des Adi Weyermann gesprochen ist es La Poeta mit majestätischer Ruhe und unzweifelhafter Zuversicht. Das habe ich Adi immer zugetraut, aber so noch nie von ihm gehört. "Der Song hat zum Ende so einen Touch Simon & Garfunkel erhalten, den ich eigentlich gar nicht beabsichtig hatte", erinnert sich Adi an das Werden des Songs, "Dagegen hatte ich auch nichts, als die Leute es feststellten. Es liegt daran, dass die hohe Stimme praktisch keine Bewegung macht und fast den ganzen Song lang auf dem selben Ton sitzt." Einen zugeworfenen Ball soll man tunlichst auffangen, was ich mit Simon & Garfunkel tue und einen Vergleich mit deren legendärer "Like a Bridge over troubled Water"-LP anrege. Adi: "Ich glaube schon, dass wir offener sind. Was auch mit meinen Musikern zu tun hat, die mehr aus dem Jazz kommen und ihre ganze Palette mitbringen. `Wood`ist keine klassische Singer/Songwriter-Platte an sich. Aber von meinen sicherlich die klassischste." Den zweistimmigen Gesang nehme ich zum Anlass nachzufragen, ob Adi eigentlich schon Duette gemacht habe, denn bewusst sind mir keine. - "Ich habe schon Duette gemacht, aber keine veröffentlicht", erklärt er mir und beruhigt mein musikalisches Gewissen, "Mit Lisa von Madviolet habe ich sogar live mehrmals im Duett gesungen und es hat unglaublich Spass gemacht. Ich würde aber ein durchgehendes Duett-Album machen wollen. Andere Stimmen auf der Platte, die fast grundlos auftauchen, halte ich für eher irritierend. Wenn es ein wirkliches Gegenüber sein soll, dann bitte gleich konkret."
"Wieviele Kinder wünscht sich deine Frau?", frage ich abermals schampar intim, und doch diskret nur auf meine Zahl bedacht. "2"... - trägt den gegensätzlichen Namen "Burning Cold", also "Brennende Kälte". Wiederum ist es ein ruhiger Song, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass auch temporeichere Songs auf "Wood" mit drauf sind. Die Zeichen bei uns stehen einfach nicht auf Sturm... Basis von "Burning Cold" scheint tatsächlich eher eine im Hintergrund fast unbemerkt mit hinein gemischte lauwarme Brise zu sein, die den Hörer sanft im Geischt kitzelt. Ob die wirklich da ist oder ich sie mir nur einbilde, sei dahin gestellt. Das habe ich im kurzen Pre-Listening natürlich noch nicht herausgehört. Spontan fällt mir zuerst folgendes ein. Actionreiche Songs spannend zu gestalten, muss bedeutend einfacher sein als so ruhige... Weyermann dreht meine Sichtweise erstmal um: "Leise Songs zu machen, die einem depressiv machen, ist extrem einfach..." Nach kurzem Lachen beiderseits fährt Adi fort und kommt der Sache näher: "Leise Songs zu machen, die einem erheben, ja im Extremfall sogar heilen, gibt es nur eine Handvoll. Das ist das Spannungsfeld, in dem ich mich zu bewegen versuche." Obwohl Adi schon länger vor allem solo spielt und es nach aussen hin generell so darstellt, sehe ich ihn nicht als Singer/Songwriter. Adi ja offenbar auch nicht, was er zumindest auf "Wood" bezogen oben gesagt hat. - "Ich nenne mich im Zweifelsfall schon Singer/Songwriter, weil es am ehesten umschreibt, was ich mache. Ich singe selbst und ich schreibe meine eigenen Lieder. Aber mehr als das heisst es für mich nicht und sollte es auch nicht. Leider stellt man sich darunter immer so einen Mann vor, der die Gitarre auf dem Rücken trägt und von Ort zu Ort tingelt. Und vielleicht eben auch nicht mehr drauf hat. Und ich versuche ja schon, diese Spanne ein bisschen weiter aufzureissen. Ich kann sowas aber durchaus bringen, wenn es mal wieder passt. Völlig falsch ist es also nicht."
Zum Schluss habe sogar ich die Zahlenspielereien satt und frage Adi nicht nach der Lieblingszahl sondern gleich nach seinem Lieblingssong auf "Wood". Er wählt "Parker", der Vollständigkeit halber Nummer 4 und - wer hätte es gedacht - ein braver... Ein Piano und eine abgewürgte, sprich getappte, Gitarre bilden das Bett für Adi's Gesang. Der Chorus besteht eigentlich zur Hauptsache aus einem hohen "Uuuuh-uh", wie es hierzulande vielleicht nur einer singen kann. Meine konkrete Frage nach dem Reinhören ist, ob "Wood" auch das Album der feinfühligen Effekte sei? - "Effektiv... Das hier ist einfach von vorn bis hinten eine Aufnahme. Mario Scarton am Klavier, ich an der Gitarre und singe. Es wurde danach nicht mehr verändert. Die Effekte auf `Wood` bemerkt man nur, weil es pro Song überhaupt nur circa einen gibt... Diese Reduktion empfand ich für mich als klärend und wegweisend. Man kann so viel weglassen, ohne dass etwas verloren geht." Dass er ihn als Lieblingssong genannt hat, wird wohl einen speziellen Grund haben? - Adi: "Er zeigt für mich in musikalischer Hinsicht eine neue Richtung. Das sind meistens meine Lieblingslieder. Ich kann die ja nicht erzwingen. Die kommen einfach oder eben nicht. Auf jedem meiner Alben hat es mindestens einen Song mit neuer Richtung. Auf `Home` war es für mich `Days of Pain`, welcher mit dem Bluesigen zu 'Pool' überleitete. Dieses Gefühl habe ich nun bei 'Parker'. Der Song lässt mehr Raum für Improvisation. Ich finde das Klaviersolo von Mario so toll. Es hat alles sehr viel mit Kommunikation mit den anderen Musikern zu tun. Deshalb bin ich stolz darauf. Und weil ich diese komische Geschichte um diese Dorothy Parker aufgebaut habe, ohne viel von ihr zu wissen. Ich halte sie einfach für eine faszinierende Figur. Ursprünglich habe ich den Titel nur gewählt, weil sich Parker auf Darker reimt... Und trotzdem sind so viele Bilder daraus entstanden. Das barg für mich so eine Überraschung in sich." Und wenn wir schon beim Übergang vom nächsten zum übernächsten Weyermann-Album stehen, wird es definitiv Zeit aufzuhören. Nur eines muss ich natürlich noch wissen: Dadurch dass Adi eigentlich zwei Alben in einem aufnahm, hatte er viel Zeit, sich weiter zu entwickeln. Weiss er konkret bereits, wo es hingehen wird? - Weyermann: "Im Gegenteil. An Songs geht man am besten so wenig konkret wie möglich ran. Nur so kann es funktionieren. Dementsprechend will ich mich jetzt nur diesen Songs hier öffnen und ganz natürlich neue Wege finden, an neue Songs heran zu gehen." Heisst das auch: Je mehr man gemacht hat, desto weniger sollte man sich daran festhalten? Adi: "Ja, das finde ich extrem. Der Wunsch nach Entfesselung ist eigentlich extrem vorhanden."