Kendy Toms am Oldstyle Weekender N°9
Text: Piggy
Bilder: Sonjka
Grizzlybär Längenbühl im Thuner Hinterland, am 13. Juni 2009. Die Elvisse kommen. Motorisiert mit Legenden der Landstrasse vom Motorrad bis hin zum Army-beigen Kleinlastwagen Black Duck, die Herren gestylt mit Teddy's und die Damen in Einteilern im Schnitt von anno dazumal, aber im Design nicht nur von gestern. Die Wild Ones, ein Verein mit viel Liebe zum Lifestyle der USA zwischen Glen Miller und - ja, wer war denn eigentlich der letzte Star des Rock'n'Roll? - luden zur Party mit dem gewissen Etwas. Vorhin eingeschoben, das ist ketzerisch gefragt... Die Antwort des Tages lautet ganz klar: Kendy Toms! Die ideologische Presley-Wiedergeburt stand mir schon vor ziemlich genau einem Jahr am Trucker & Country Festival Interlaken Rede und Antwort. Wer sonst als der Kopf der Red Boots hätte mich also mit Insider-Information über das effektvolle Event versorgen sollen?
Hinsichtlich meines Outfits brauche ich seine Hilfe nicht wirklich - wie auf den Photos ersichtlich, die meine Lieblingsfotografin Sonja von der Amazing Factory genüsslich schoss. Eitel Sonnenschein und ein Schweinchen, übersäht mit Punkten von Top über Rock bis zu den Schuhen, strahlt mit dem Himmelsgestirn um die Wette. Als Accessoire in der Szene unabdingbar: Würfel, seltener auch Karten, dazu Totenköpfe. Die Kulisse - sagenhaft, die Namen der chrom-glänzenden Stars klingend. Oldsmobile, natürlich Chevrolet, einige Muscle Cars und das liebevoll aufgebaute Armee-Lazarett bevölkern den Parkplatz des "Grizz". Das Event ist auf dieses Jahr von Kaufdorf nach Längenbühl umgezogen. Die Wild Ones erlauben mir freundlich, mich an diesen und jenen Wagen anzulehnen oder mich gar auf oder in sie hinein zu legen. Da erwacht schnell die Monroe in mir zu neuem Leben... Alle Fotos findet ihr übrigens in der Gallery auf meiner persönlichen Homepage www.schweinis.ch (Link unten am Artikel). Für die Musik sorgt neben Kendy der Romand John Guster. Die Stars des Rockabilly hierzulande findet man dagegen am Kleiderstand. Die Hillbilly Moon Explosion gilt schon seit längerem nicht mehr nur in der Szene als Geheimtip.
Am späteren Nachmittag räkle ich mich dann mit meinem persönlichen Grizzlybären in der Sonne, wobei ich erstmal an Kendy's Schattenwurf vorbei muss. Ein richtiger Mann, wie schön... Als Kopf einer Band, die tönt wie in den 50ern frage ich zuerst, welche Bedeutung das Wort Innovation hat. Ist ja ein bisschen paradox. Ich frage Kendy also quasi symbolisch, was sich in dem einen Jahr seit unserem letzten Gespräch bei einer Band wie den Red Boots verändert hat? Kendy Toms: "...eigentlich nicht wirklich viel. Wir hatten letztes Jahr unser zehnjähriges Jubiläum. Das haben wir im Dezember gefeiert. War sehr gut, auch ausverkauft. Das hat zur Folge, dass wir von nun an jedes Jahr eine Christmas-Party geben wollen. Wir probieren auch ständig, unser Repertoire zu erneuern. Wir haben vor, eine CD mit ein paar eigenen Songs mehr zu machen. Das wird aber wahrscheinlich 2010 oder 2011, bis es soweit ist." Ich greife die paar eigenen Songs auf, die Kendy erwähnt hat. Eigentlich wollte ich provokativ fragen, ob es nicht fruste, wenn man als Musiker gar nie einen neuen Songs spielen dürfe... Ich besinne mich aber und frage nach der Mischung von Klassikern und eigenen, neuen Kompositionen. Kendy: "Es gibt ja immer wieder so Phasen, in denen auch die Masse auf diese Musik zurückgreift. Das war mit Dick Brave so. Momentan ist es das mit Baseballs aus Deutschland, die moderne Songs aus der Hitparade in Rockabilly-Style umsetzen." Innovation sei also, frage ich nach, mehr und mehr gefordert? "Ja, aber... es gibt viele Bands, die das schon seit Jahren machen. Wir haben selbst auch moderne Songs in altem Kleidchen eingespielt. Wichtig wäre dafür dann einfach, dass ein Managment da ist, das einen pushen kann."
Ich verweise auf die alten Edelkutschen, die um uns herum stehen und auf Kendy's Teddy. "Heute keinen Hut...", wirft er lachend ein. In Interlaken hatte er sich den nicht nur aber auch wegen der Sonne aufgesetzt. Auffallend, dieses schöne Wetter... Ich nehme den Faden wieder auf und frage, inwiefern Kendy einfach der Sänger einer Rockabilly-Band sei und wieviel von diesem Lebensgefühl sonst noch in ihm stecke. Er meint ehrlich: "Das ist eine gute Frage. Im Prinzip trage ich das im Herzen, lebe es aber nicht hundertprozentig. Im Vergleich zu anderen, die so arbeiten, immer so rumlaufen. Ich trage meinen Teddy auch schon mal bei der Arbeit, aber mein Outfit ist mal so und mal ganz normal. In Anführungs- und Schlusszeichen..." Auch Sänger zu sein, ist nicht das einzige Ding in Kendy's Leben. - "Ich arbeite daneben ja auch hundert Prozent. Also bin ich nicht immer der Sänger. Manchmal bin ich auch der andere." Ob er sich die Autos noch anschaue oder ob die sich von Event zu Event nicht dermassen viel schenken, will ich wissen. "Das ist mehr oder weniger schon so...", lacht er mit mir und fügt an, "Hier fliessen eigentlich so zwei Szenen ineinander. Einerseits die HotRod- und AmiCar-Szene, andererseits die Rock'n'Roller. Wobei schon viele aus der Rock'n'Roll-Szene einen Ami-Schlitten fahren. Aber da gibt's dann schon Unterschiede. Es sind effektiv zwei Szenen. Ich fahre auch einen Ami, könnte aber keinen Abend lang über dessen Motor philosophieren." Die einen kommen zum Tanzen, die anderen fahren sie hin und zurück, fasse ich zusammen... Kendy wendet lachend ein: "Wobei ich auch nicht tanze..." - Dafür bringt er sie ganz kräftig dazu.
Und wenn wir schon dabei sind - bei Elvis fielen die Mädels jeweils reihenweise. Die Faszination der Musik ist also gegeben. Wie steht's denn eigentlich um Kendy's euphorisierende Fähigkeiten? Fühlt er sich manchmal als Puppenspieler? Kendy: "Bei gewissen Auftritten, wenn alles klappt und die Leute mitgehen, kommt das Gefühl durchaus kurzzeitig auf, ja. Es holt mich aber am Montag relativ schnell wieder runter, wenn ich zur Arbeit gehe." Wenn alles klappt heisst aus meiner Erfahrung, dass alle auf den Tischen tanken und unschweizerisch abgehen. Wird man da als Frontmann schon mal mit... Situationen konfrontiert? - "Eigentlich nicht negativ.", sagt er und meint, dass die Bühne dann meist doch nicht gestürmt wird. Eine Begegnung ist ihm aber besonders im Gedächtnis geblieben: "Wir haben einmal vor ziemlich vielen behinderten Menschen gespielt. Und die haben ihre Freude dann auch richtig gezeigt. Was wiederum den Schweizer in mir hervorbrachte. Ich verspürte fast Hemmungen und wusste manchmal nicht genau, wie ich darauf reagieren sollte. Es war aber auch sehr schön, Emotionen ganz ungeschminkt mitzukriegen." Ich frage abschliessend, was Kendy Toms and the Red Boots denn nun für den Auftritt am Oldstyle Weekender erwarten? Wie ist das so, an einem Ami-Treffen zu spielen? Kendy: "Wir haben da schon einige Erfahrungen sammeln dürfen... Am Nachmittag ist es meist eher verhalten. Die Leute essen und trinken etwas und hören dabei Live-Musik. Für den Abend hoffen wir schon, dass es voll wird und versprechen uns eine gute Party. Mal sehen, ob wir die Leute auf die paar Tische bringen, die es hat..." Und da er nicht R'n'R tanzen kann - "Überhaupt nicht, keinen Schritt..." - würden es wohl meine armen Füsse übernehmen müssen...