Evolutionstheorie mit William White
Text: Monthy
Bilder:
PartyGuide.ch
Als ich letztmals mit William White sprach, ging es um seine Entwicklung vom Sozialfall zum Star innert eines Albums. "Das ist Vergangenheit", meint der vielleicht sonnigste Schweizer Musiker nun zum Auftakt unseres Interviews auf dem Gurten. Einen Zusammenhang gibt es aber doch, und der wurde mir erst noch vom Künstler selbst geliefert. William White's neues Album heisst "Evolution", was ich zum Anlass nehme, mit ihm über seine Entwicklung zu parlieren. Der Titel leitet sich eigentlich und ganz banal vom Song gleichen Namens ab. William: "Irgendwie hat das gepasst. Weil die Songs aus mir heraus kommen und mir selbst jeweils erzählen, was ich eigentlich vorhabe. Das Lied ist einfach passiert und die Platte ist genau heraus gekommen, wie das Lied besagt: Es entwickelt sich, es wächst, es geht weiter... Das hat ganz gut zusammen gepasst."
Mit der Evolutionstheorie kennt WW sich aus, "...auch wenn ich kein Wissenschaftler bin", wie er lächelnd relativiert. Hier viellleicht ein Einstieg ins Thema für nicht so versierte Evolutionstheoretiker. Evolution ist als Prozess gesehen zwar sehr langsam, Entwicklungen darin geschehen allerdings sprunghaft. Die schlecht angepasste Spezies verschwindet, die besser angepasste überlebt. Ein Bild, das eigentlich nicht so zur sanften White-Musik passen will, oder? - William: "Ich sehe es natürlich nicht ganz in dem Zusammenhang. Als biologische Rückblende. Wenn man nicht für sagen wir 100'000 Jahre die Augen schliesst, ist Evolution ein sehr langsamer Prozess. Ich beziehe mich mehr auf die Evolution meiner Musik - wie ich sie mache, wie ich mich dabei fühle, dass ich sicherer werde... - Also im Sinn, dass der Künstler seine Entwicklung vorantreibt."
Die angesprochene sprunghafte Entwicklung wäre aufs Musik-Biz bezogen aber schon erfreulich, oder? William: "Das muss man auch so sehen, ja. Und wenn wir gerade von Sprüngen reden - in der Schweiz kann man nicht viel mehr Sprünge machen. Da ist man bald aus der Schweiz raus. Ich habe mit meinem ersten Album den Sprung in die Schweizer Szene geschafft. Viel mehr Platz nach oben gibt es aber nicht. Die Entwicklung hier geht also eher in die Breite. Wer mich unterstützt, dem sind auch gewissermassen die Hände gebunden, bis ich aus mir etwas Grösseres gemacht habe. So lange das nicht passiert, können sie mir die Hauptbühne einfach nur nachmittags um zwei geben... Das mit den Sprüngen hat also etwasl, und der nächste, den ich packen muss, ist derjenige aus der Schweiz heraus."
Der Fokus geht also mehr ins Ausland. Trotzdem darf man die Basis nicht vergessen. Frage: Gab es Ängste, dass das zweite Album weniger gut ankommt bei den Leuten? - WW: "Ja natürlich. Man hat immer Angst, wenn man etwas neues macht. Sofern man sie auch zulässt. Eine gewisse Vorsicht ist da ganz gesund. Ich bin froh, wie es gelaufen ist. Fürs erste Album brauchte ich zwei Jahre, bis ich das Airplay hatte, die Verkaufszahlen und die zahlreichen Auftritte. Jetzt ist alles viel schneller gegangen. Da bleibt keine Zeit mehr, zurück zu lehnen und sich das Ganze mal aus der Distanz anzusehen. Wo es also vorher kontinuierlich den Berg hinaufging, fand ich mich nach der zweiten Platte innert sechs Monaten in der Höhenluft wieder."
Williams Band "The Emergency" trägt ihren Namen ja eigentlich deshalb, weil sie sehr schnell zusammengestellt werden musste und das WW-Repertoire innert zwei Wochen erlernen musste. Hat da das neue Album eine kontinuierlichere Entwicklung erlaubt? - William: "Ja und Nein. Wir haben damals viel mehr Gigs gespielt als jetzt. Es hat also Vor- und Nachteile. Man muss da immer mit der Situation spielen. Theoretisch ist das so, praktisch vermissen wir es aber, vier Gigs an vier Tagen hintereinander zu spielen. Dann kann man sich von Tag zu Tag verbessern. Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Deswegen müssen wir ja auch nach aussen arbeiten und uns das Ausland erarbeiten."
Musikalisch tönen William White and the Emergency durchaus schon komplett. Gelüste hinsichtlich musikalischer Weiterentwicklung hat aber ganz sicher auch WW, oder? - "Wenn es nach mir ginge und ich unabhängig von allem eine Wunschliste erstellen könnte, dann möchte ich ganz einfach alles. Auch ein Orchester auf der Bühne. Wünsche fehlen mir dahingehend wahrlich nicht..." Da gibt es also noch ein paar evolutionäre Meilensteine, die auf Mr. White warten. Meine letzte Frage bezieht sich auf die Wahrnehmung des Publikums und dessen Feedbacks auf die zweite Platte - sind die sehr unterschiedlich im Vergleich zu "Undone"? - William White: "Mmmh... Es ist wirklich schwierig zu beurteilen, weil die Situation ganz anders ist. Am Anfang entdecken dich die Leute, bei der zweiten Platte gratulieren sie dir... Was ich gemerkt habe, ist dass ich offenbar keine Fans verloren habe, sondern eher mehr dazu gewonnen habe. Das ist eine schöne Entwicklung. Auf der anderen Seite mögen die Leute, die etwas gegen meine Musik haben, das was ich mache, aber immer noch nicht..." Gegen Hypes und Downs dürfte WW aber mittlerweile gerüstet sein, oder? William: "Dafür bin ich einfach zu alt..."