Wurzel 5 wollen teilen. Nicht manipulieren.
Am 13. Oktober steigt im Berner Bierhübeli eine grössere Kiste. Eine richtig grosse Kiste, sogar. „E ganz e brutale Alass“, verspricht Plattenkratzer Link. Wurzel 5 feiern Geburtstag. 10 Jahre sind die Räpper vo Bärn jetzt gemeinsam unterwergs, um die Hütten zum Kochen zu bringen und den Putz von den Wänden zu holen. Jüngst etwa am Vogellisi-Festival in Adelboden. Und weil das Meitschi vom Berg bekennende Rap-Bitch ist, flog nach zehn Jahren harter Arbeit in Adelboden erstmals ein BH auf die Bühne. Die Wurzeln waren gerührt.
So gerührt, wie Rock'n'Roller halt sein können. Und wer glaubt, der Schreiber habe spätestens jetzt eine Vollmeise, Wurzel 5 Rock'n'Roller zu nennen, dem seien die nachstehenden Zeilen besonders ans Herz gelegt. Allen anderen natürlich auch. Gerührt waren die Wurzeln, wie Rock'n'Roller. BH über die Schulter, eine Handvoll flotter Sprüche, routiniert wie alte Profis, keck, wie unbedarfte Frischlinge und natürlich stante pede die Aufforderung: „We iz ono e Slip füreflügt, de siter würklech geili Sieche, Adubode!“ Rock'n'Roll präsentiert von drei Mannen am Mik und einem MC an den Turntables. Geht das überhaupt? „Polo Hofer darf keinen Alkohol mehr trinken!“, sagt Link und unterstreicht damit Bloodys Statement: „Wir sind bisweilen mehr Rock'n'Roll, als manche Rockband!“ Das Bandleben mit Touren, „zwüschine eine übere Durscht drinke us la chutte“ habe bei ihnen halt einen hohen Stellenwert, erklärt Djens. „Die Musik steht wohl im Vordergrund. Aber zusammensein, 's Chaub mache und es lustig haben ist uns definitiv sehr wichtig. Sonst würden wir nicht seit zehn Jahren zusammen Musik machen.“
Deshalb rocken Wurzel 5 wenn sie nicht auf der Bühne, hinter der Bühne. Meistens am Pokertisch. „Wenn wir auf Tour sind, haben wir unser Programm intus. Da müssen wir nicht mehr gross am Sound arbeiten und haben relativ viel Zeit“, berichtet Djens und gibt zu: „Deshalb widmen wir derzeit mehr Zeit dem Pokern, als der Musik.“ DJ Link meint pragmatisch: „In den Achtzigern haben wir den Rap von den Amerikanern kopiert, jetzt ist des das Pokern“, und Bloody, der Mann der im Hintergrund unter anderem die Kohle mischelt erklärt dem schreibenden Poker-Analphabeten: „Im Pokern geht es darum, Kohle zu machen. Und im Gegensatz zum Jassen kannst du auch mit einer Scheiss-Hand gewinnen, sofern du clever taktierst.“ Und: „Pokern ist kein Glücksspiel“, stellt Link klar, „du kannst Dein Glück steuern.“ In Sachen Musik mögen die vier Berner ihr Glück allerdings nicht zu sehr strapazieren: „Wir sind keine Band, die sich auf die Äste hinauslässt, bloss um etwas zu versuchen“, sagt Djens. Vielmehr wage sich Wurzel 5 auf die Äste hinaus, um etwas zu versuchen, das für die Band stimmt. „So gesehen pokern wir nur so hoch, wie es uns unser Musikgeschmack erlaubt.“ Schliesslich blufft beim Pokern auch keiner nur um des Bluffens willen – sondern nur, weil er trotz vermeintlich schlechtem Blatt doch noch eine Chance sieht, etwas zu holen.
Mit „Teamgeist“ haben die Berner letzten Sommer ihr Glück insofern strapaziert, als dass sie ihren Weg weg von der Oldschool-Truppe hin zum musikalisch breit gefächerten Projekt, das bisweilen auch Gitarren kräftig krachen lassen kann, konsequent weiterverfolgt haben. „Ich durchforste das Internet intensiv und stosse immer wieder auf Diskussionen und Meinungen, die immer noch 'Jugendsünde' nachtrauern“, sagt Bloody. „Aber wir machen unseren Sound ja primär für uns.“ Und das so erfolgreich, dass sie letzten Herbst als damals erfolgreichstes CH-Rapalbum von null auf fünf charteten und die Plattte im ausverkauften Bierhübeli taufen konnten. Kommt da die Versuchung auf, Erfolgsrezepte, die funktionieren, zu wiederholen? „Es hat ja noch nie richtig funktioniert“, interveniert Bloody und Djens hackt ein: „Wir verkaufen ein paar tausend Platten, können alle nicht von der Musik leben und das bleibt wahrscheinlich auch so – und das wissen wir. Deshalb machen wir weiterhin die Musik, die uns gefällt und ich glaube, wir werden nie Gefahr laufen, so zu handeln.“ - „Wir wollen ja nicht die Leute manipulieren. Wir wollen mit ihnen teilen“, bringts Link auf den Punkt.
Zum Beispiel 13. Oktober 2007 im Bierhübeli. Dann kommt Jahr elf in der Wurzelgeschichte. Djens deutet an, dass die Zukunft auch ein viertes Wurzel 5-Album bringen könnte, will sich aber nicht auf einen Zeitpunkt festlegen: „Wir sind motiviert, haben viel Spass zusammen und sind uns mittlerweile einig, dass wir gemeinsam weitermachen wollen. Was wann genau passiert, ist aber noch offen.“ Denn auch in einer Familie wie jener der Berner Rapper ist nicht alles eitel Freude. Aber – und für einmal bleibe das Schlusswort dem Schreiber vorbehalten: „Das zeichnet ja e gueti Familie us, we zwüschine d'Fätze flüge!“