Xkaos: Im Zeichen der Wiedergeburt
Text/Bilder: Cédric Russo
Der Abend versprach viel. Kaos, eine der meistgelobtesten Metalbands in Basel, spielen im Gleis 13. Doch das stimmt nicht ganz. Denn die Band ist nicht mehr dieselbe. Nach dem Ausstieg des Gitarristen Daniel Baur vor einem Jahren wurde es still um die Hinterbliebenen. „Über die Jahre gefiel mir harte Musik immer weniger. Ich hörte vermehrt sanftere Sachen, wie Blues oder Country. Harte Riffs fingen an, mich zu langweilen. Deshalb zog ich die logische Konsequenz, und stieg aus der Band aus. Das hatte nichts mit der Band als solche zu tun, wir gingen in Freundschaft auseinander. Für mich war einfach die Zeit gekommen, um damit aufzuhören“, nennt Daniel die Gründe für seinen Ausstieg.
Der Rest der Gruppe nutzte die Änderung, um mit neuen Sounds zu experimentieren. Auch über eine Neudefinition der Band selbst hatte man nachzudenken. Schlagzeuger Felix Gorny erweiterte seinen Aufgabenbereich mit dem Hinzufügen elektronischer Beats. Sänger Philipp Thurnherr rüstete von vier auf sechs Saiten auf. Dazu teilt er sich den Gesang mit der neuen Sängerin Silvia Flubacher. Mit ihr ist die Band schon lange befreundet. Und wie es im Musikermärchen halt so passiert, wurde aus gemeinsamen Jam-Sessions mehr.
Obwohl sich die frisch gefundene Band noch nicht dazu bereit sah, die Schweizer Bühnen im Sturm zu erobern, einigte man sich darauf, unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit, zumindest zwei Konzerte im Raum Basel zu bestreiten. Denn man muss dem Volk geben, was das Volk begehrt. Ausserdem war die Neugier darauf, wie das Publikum den neuen Sound aufnehmen wird, einfach zu gross.
Die Band wurde als XKaos angekündigt. Ich fragte Felix, was es mit diesem Namen auf sich habe. Er meinte: „Der Name ist im Bezug zu Daniel entstanden. Da wir für die zwei Konzerte unseren Ex-Gitarristen mit an Bord haben, und auch Kaos Songs spielen werden, lag XKaos auf der Hand. Aber das wird wohl eine temporäre Angelegenheit bleiben, wir haben uns bisher einfach noch zu wenig Gedanken um einen neuen Namen gemacht.“ Ach ja, Daniel spielt ja für die zwei Konzerte den Bass. Zeichnet sich da möglicherweise eine neue Zusammenarbeit am Horizont ab? Phillipp: „Nein, definitiv nicht. Wir konnten wegen dem Zeitdruck auf die Schnelle keinen Bassisten finden, und da Daniel die meisten Songs schon kennt, haben wir ihn gefragt, ob er uns aushelfen wolle. Aber wir sind auf der Suche nach einem neuen Gesicht am Bass.“
Inzwischen hatte sich das Gleis 13 gefüllt. Die Leute wollten was hören. XKaos liessen nicht lange auf sich warten und enterten die Bühne. Alle waren gespannt. Denn mit neuformierten alten Bands ist das so eine Sache. Ehre jenen, die es schaffen, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Aber sollte sich herausstellen, dass das Dargebotene nur ein müder Abklatsch früherer Grösse ist, lyncht der Mob die Band schneller an ihren eigenen Gitarrensaiten, als Kerry King Solis runterleiern kann. Doch nach den ersten Klängen wurde klar, dass die Sorge unbegründet war. XKaos hatten den Drive früherer Tage nicht verloren. Die Trommeln wirbelten in gewohnter Manier, und Frontmann Phil machte auch an der Gitarre eine gute Figur. Zwar konnte er nicht die knüppelharten Riffs von Daniel Baur spielen, aber das war auch gar nicht nötig. Denn das punkangehauchte Rotzspiel passte gut zum Gesamtbild der neuen Dynamik, auf die sich die Band eingelassen hatte. Zwischenzeitliche Beatsamples verliehen dem Sound Vielschichtigkeit und Abwechslungsreichtum. Und die Stimme der Sängerin Silvia liess keine weiteren Wünsche offen. Mit einer Röhrenstimme, die man der zierlichen, 1,60 grossen Frontfrau gar nicht zutraut, verbreitete sie Angst und Wohlbehagen zugleich.
Gekonnt wechselte die Band zwischen alten und neuen Stücken, wobei der Soundunterschied glücklicherweise nicht solche Welten trennte, dass man sich gestört fühlte. Was man zu hören bekam, war mehr als man sich erhofft hatte. Dies dankte das Publikum mit frenetischem Beifall. Als Zückerchen zum Schluss gab es noch den Partykracher „Ace of Spades“ von Motörhead. Wer spätestens zu diesem Zeitpunkt vor Tanzwut noch nicht nassgeschwitzt war, wurde von allen solidarisch gemieden. Nach dem Konzert traf ich die Bandmitglieder mit einem breiten Dauergrinsen im Gesicht an. Scheinbar hatte es auch ihnen Spass gemacht. Fazit des Abends: Die Musik war nicht nur laut, sondern auch gut. Bier und Gesang gab es satt. Und XKaos, die alten Helden aus der Basler Untergrundszene, sind mit neuem Glanz zurückgekehrt. Vielleicht wird die Zukunft doch besser, als alle behaupten.