Züritüütsch lernen mit Gleiszwei

"Nach sechs Jahren in Zürich, habe ich mir gedacht, wäre es an der Zeit, die hiesige Landessprache zu erlernen", eröffne ich den Talk. Und weil ich ja mit den Protagonisten des Züri-Slang rede, frage ich: "Welches ´züritüütsche´ Wort würdet ihr mir zuerst beibringen?" Tibner lacht amüsiert und studiert kurz, bevor er meint: "Das ist schwierig, es gibt da einige... Du wirst heute Abend sicher das eine oder andere mitkriegen, auch wenn ja nicht nur Zürcher da sind..." Und dann kriege ich meine erste Lektion doch noch: "Das Wort ´Gleiszwei´ solltest du zumindest schon kennen..."
Das Gleiszwei Lineup von vorne nach hinten: P. Moos, Mardn, Tibner in grün/orange
Tibner deckt sich die Augen ab, um das Publikum spotten zu können
Natürlich kenne ich es schon - und gleichzeitig noch. Wir erinnern uns kollektiv an ein Interview, welches im Jahr 2000 am Openair Oberrieden stattfand. Weil Gleiszwei schon so lange auf den Zürcher Bühnen herumtollen, will ich wissen, ob sie denn auch schon an der Slangnacht waren? - Tibner: "Ja, wir waren eigentlich in jedem Jahr vertreten. Ich war vor zwei Jahren solo dabei, P. Moos letztes Jahr. Wir waren auch schon bei der allersten Ausgabe dabei, als wir noch nicht einmal wussten, dass es eine Slangnacht gibt!" 2005 treten Tibner/P. Moos/Mardn wieder vermehrt zusammen als Gleiszwei auf und bescherten so der Zürcher Slangnacht einen Old School Lokalmatador erster Güte. Nach EKRs Absage ein Glücksfall, weil die sonstigen bekannteren Künstler alle von ausserhalb kamen.
Im momentan boomenden CH-HipHop darf man sich jedenfalls Old School nennen, wenn man schon vor fünf Jahren von mir ausgefragt wurde, oder P. Moos? - "Ja, wir sind definitiv Old School, wir sind schon lange dabei. Gleiszwei ist Old School!" Die aufkommende Konkurrenz empfinden die ´aute Manne´ als positiv - wieder P. Moos: "Sicher ist auch ein Konkurrenzdenken da. Aber für uns ist es sehr schön, dass und wie es sich entwickelt hat, dass es so viele Bands gibt. Als wir angefangen haben, gab es vielleicht drei oder vier... Es gab keine Plattform, keine Labels, keine Slangnacht..."
Mardn von hinten... fotografiert!
Der DJ - von allen vergessen - ausser von Monthy
Als Inhaber eines eigenen Labels in Zürich ist Gleiszwei der ideale Adressat für meine nächste Frage, die versucht herauszufiltern, ob es denn nun wirklich überhaupt keine Rolle spielt, wo man herkommt - Mardn: "Ja und Nein. Es hat schon immer eine Rolle gespielt, heute teilweise sicher auch noch. Kommt auf die Leute an. Bei uns hat es nie eine Rolle gespielt. Wir waren immer auf Support aus anderen Regionen angewiesen und haben auch immer Support in andere Regionen gegeben." P. Moos bemerkt dazu: "Unter den Crews spielt es nicht so eine Rolle, wer woher kommt. Es gibt aber Leute dahinter, die den Lokalpatriotismus recht extrem betreiben. Gerade als Zürcher hast du es da nicht leicht. In einigen Kantonen wirst du akzeptiert, andernorts nicht. Einfach weil du Zürcher bist... Das gibt´s natürlich auch umgekehrt."
Tatsächlich habe ich auf meine Standard-HipHop-Frage: "Welchen Dialekt hörst du gerne?" noch von keinem Künstler die Antwort "Züritüütsch" erhalten. P. Moos führt aus: "Wir repräsentieren Zürich, weil wir von hier sind. Wir reden ´züritüütsch´, weil wir Zürcher sind. Das hat weniger damit zu tun, dass wir finden, ´Züritüütsch´ sei das einzig geile, auch wenn es oft so verstanden wird. Es ist einfach unsere Muttersprache." Natürlich muss ich aber jetzt die Standardfrage auch stellen... - Tibner: "Das ist echt schwierig. Ich bevorzuge selbst schon Züri-Slang. Leute aus Deutschland haben mir auch schon bestätigt, dass es von den Schweizer Dialekten vielleicht am nächsten am Englisch dran ist. Auch weil es ein bisschen dreckig tönt. Es gibt aber auch andere Slangs, die cool sind, und das ist gut so. Es wäre ja langweilig, wenn alles gleich tönen würde. Im französischen Rap hörst du schliesslich auch, ob einer aus Marseille kommt oder aus Paris."
Mardn und P.Moos zeigen die Fäuste
Tibner am Mikro in voller Aktion
Mardn findet einen ganz anderen Ansatz und plädiert: "Schlussendlich ist es eine Frage von Flow. Hat einer Flow auf der Bühne, ist er cool - hat er´s nicht... Ich habe daher keinen bevorzugten Dialekt. Es geht um den Flow, darum wer du bist und was du machst. Dann spielt es auch keine Rolle, wie du redest." Was mich zu meiner Abschlussfrage bringt, ob ´Züritüütsch´ eigentlich überhaupt eine Sprache ist oder viel eher ein Lebensgefühl? - Mardn antwortet im allgemeinen Gelächter für alle drei, wenn er sagt: "Gleiszwei ist das Lebensgefühl - ´Züritüütsch´ reden wir..." - oder...
Gleiszwei lassen sich vom Publikum feiern
Text/Bilder: Monthy
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