Grey Mole wühlen tief im Untergrund
19.6.2011; Text: Monthy, Bilder: ckphoto.ch
Maulwürfe - sind grau, leben in Erdlöchern und sind dafür verantwortlich, wenn du im Garten plötzlich im Erdboden versinkst. Aber aber - kein Grund sich zu schämen! An meinem Krienser Lieblings-Openair sind sie für einmal aus ihren Höhlen gekrochen, um sich der Welt zu präsentieren. Und dafür haben sie sich nicht in Schale geworfen, aber in Farbe, wie das Bühnen-Artwork oben wunderbar illustriert. Worauf ich mit meiner Einleitung eigentlich heraus will: Diese Band scheint nicht unbedingt bekannt werden zu wollen. Was also hat es mit dem Grau und der überproportionierten Wühlmaus genau auf sich? - Gitarrist Christoph Aregger muss erstmal laut heraus lachen und dann nochmal überlegen, bevor er antwortet: "Grau ist halt eher melancholisch, etwas düster und neblig..." Demit gebe ich mich natürlich noch nicht zufrieden. Was ist es genau - Understatement? Oder passt's einfach zur Musik? - Adi Rohner, der auf der Bühne den Kontrabass schwingt, tendiert zu Letzterem: "Es hängt schon an der Musik, die ja auch aus dem Untergrund kommt. Es ist sicher keine kommerziell angesiedelte Musik und Bands wie uns hat es schon immer gegeben. Sie bleiben aber meist auch im Untergrund und spielen in den entsprechenden Kreisen."
Das will ich natürlich auf keinen Fall verurteilen und es leuchtet mir auch absolut ein. Aber komisch ist es doch. Andere versuchen das Menschenmögliche, um ihren Namen bekannt zu machen. Grey Mole scheinen sich darüber mit ihren Anlagen fast ein wenig lustig zu machen. Gehört werden wollen auch sie wie alle anderen, oder? - Christian: "Bei uns ist das Üben, das Aufnehmen, die Auseinandersetzung mit der Musik vordergründig. Natürlich gehört auch das Live-Spielen dazu. Aber nicht unbedingt, damit wir auf der Bühne unsere Posen präsentieren können." Hoppla! Die Höhle dieses Maulwurfs scheint mir doch sehr tief ins Erdreich hinein zu führen. Ich fühle Adi mit dem Begriff "Feierabend-band" auf den Zahn, weil ich noch etwas genauer wissen will, was die Band für die Musiker persönlich darstellt. Adi: "Es ist ein Herzblutprojekt. Wir investieren viel Zeit und ich glaube doch, dass es für uns viel wichtiger ist, zusammen etwas entstehen zu lassen. Dass man uns auf die Schulter klopft und erkennt, ist für uns nicht wirklich eine Motivation."
Die musikalische Umschreibung von Grey Mole heisst Jazz-Folk. Nun sind diese Stile zwar nicht allzu weit voneinander entfernt, aber als Nicht-Szenegänger wüsste ich spontan keinen Namen, die auch das machen. Oder gibt es - wiederum in der Tiefe natürlich - doch noch andere Verbindungen zwischen Jazz und Folk? - Christian: "Offensichtlich ist die Verbindung tatsächlich nicht. Es hat sich bei uns so ergeben und wir versuchen schon, zeitgemäss zu sein. Fast alle von uns haben die Jazzschule gemacht, was eine gute Basis darstellt. Der Folk-Einfluss kommt von persönlichen Interessen der Bandmitglieder in diese Richtung. In diesem Bereich gibt es schon einige Interpreten, die uns inspirieren und das macht dann die Mischung aus." Wenn Christian oben "zeitgemäss" sagte, dann heisst das übrigens auch: experimentell, eigen und manchmal fast ein bisschen verkünstelt - je nach Bodenständigkeit des Geschmacks des Hörers, gäbe es sicher auch weniger nette Bezeichnungen, die die Band schon über sich ergehen lassen musste. Was Sängerin Lonna Kelley zeitweise macht, geht an die Grenzen der Hörbarkeit. Ein Zyniker würde sagen, mit der Stimme jagt sie sicher auch den letzten Maulwurf aus dem Bau. Dumm, dass ausgerechnet ich einer bin... (also Zyniker - nicht Maulwurf...)
Zurück zum Folk-Einfluss, den ich doch noch ein wenig eingrenzen will. Sind es die allgemein bekannten Folk-Musiker, die Grey Mole beeinflussen oder geht's auch da so tief rein, dass nur noch Insider etwas mit den Namen anfangen können? - Adi: "Das kann ein Bob Dylan oder Tom Waits sein, aber auch ein total unbekannter Künstler. Es muss aber wirklich immer strikt Underground sein... Wenn uns etwas anspricht, dann ist die Chance gross, dass es irgendwo in einem unserere Songs in irgendeiner Form wieder auftaucht." Bei Jazz-Schülern weiss man ja nie, rechtfertige ich mich ein wenig und lenke die Aufmerksamkeit dann auf die Klarinette, die man an einem Rock/Pop-Festival doch eher selten auf der Bühne sieht. Adi: "Unsere Musik funktioniert eh mit Müsterchen oder sollte ich sagen Clichés aus anderen Sparten. Die Klarinette bringt ganz klar einen Jazz-Ton auf die Bühne und wir lieben es sehr, damit dann wieder etwas Neues anzustellen und unseren ganz eigenen Sound zu kreieren. Wir haben auch Banjo und Kontrabass, die etwas weniger Pop-Standard sind, auch wenn es in einzelnen Sparten wieder mehr dazu gehört. Aber auch ein Standard-Instrument wie das Schlagzeug kann anders gespielt werden. Unser Drum hat zum Beispiel mehr Dreck drin als im Pop üblich."
Um noch etwas in der Tiefe zu bleiben, werfe ich in den mit Zeltbahnen abgesteckten Raum, Grey Mole würden ganz gut zum B-Sides passen, dessen Programm ja auch extrem in die Tiefe geht. Da treffen sich die Philosophien - oder ist das für Grey Mole eine Konzertanfrage wie jede andere auch? - Christian: "Nein. Es hat uns sehr gefreut, dass wir hier spielen dürfen. Der Programmgestalter des B-Sides ist auch schon länger an uns dran, weil er gut findet, was wir machen. Leztes Jahr durften wir im quasi im Vorprogramm des B-Sides in einem Kleintheater spielen und dieses Jahr auf dem Berg." Und wie sieht das mit der Eventgrösse aus? Ist das B-Sides ein grosser Auftritt für Grey Mole oder liegt das im Rahmen? - Adi: "Schon eher grösser... Wir spielen sonst schon vornehmlich in kleinen stickigen Clubs. Ich denke, bei uns ist nicht die Menge an Leuten entscheidend für das Konzert sondern die Ambiance. Und die passt tendenziell schon besser in einen Club." Auch Christian hat so seine Einwände wegen der Stimmung: "Es könnte eher schwierig werden. Es lässt sich weniger gut kontrollieren, auch von der Technik her. In Clubs spielen wir akustisch. So lässt sich die Stimmung besser steuern und feiner ausarbeiten. Hier müssen wir uns jetzt mit den Begebenheiten abfinden und das Beste daraus machen."
Als Kopf einer reinen Schweizer-Musik-Homepage musste ich lernen, dass unser Wachstum eher langsam ist. Ich ziehe einen Vergleich zu Grey Mole, die ja auch nicht so medienwirksam sind. Oder gibt es eine überraschende Dynamik auch rund um die Band? - Adi: "Bei uns herrscht schon ein langfristiges Denken vor. Ein Grey Mole Album lässt sich nicht gut vermarkten. Es gibt aber innerhalb der Band sehr viele Nebenprojekte und ich habe das Gefühl, wir wachsen - zusammen und jeder auf seine Art. Nach aussen ist es aber schon langfristig." Da stellt sich mir irgendwie die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Jazz-Folk pushen zu wollen? Ist das nicht vergebene Liebesmüh? - Christian: "Das Ziel wäre, in eine Richtung wie Filmmusik zu gehen. Uns bei den Radios aufzudrängen macht tatsächlich nicht Sinn." Vieles ist und bleibt für mich immer noch neblig rund um die Maulwürfe - aber das kann man ja auch positiv verwenden. So ist meine Schlussfrage denn, ob dieses schemenhafte auch musikalisch von Grey Mole umgesetzt wird? - Christian: "Das kann man schon sagen. Gerade die neuen Bläserarrangements gehen in diese Richtung und arbeiten stark mit Stimmungen." Wir einigen uns darauf, dass es bei einem Grey Mole Konzert jedenfalls viel zu entdecken gibt!