Span's Schöre: „Ich muss nicht Rebell sein“

Text: Ko:L
Bilder: musicbild.li
Stefan Kohli
Wir haben uns noch kaum Hallo gesagt, schon geht´s los mit Plaudern; das Geplauder wird bald zu einer schieren Fachsimpelei. Oder Fan-Simpelei? Span-Gitarrist Schöre Müller ist Vollblutmusiker – auch nach über 30 Jahren noch. Unzählige Bands haben er und Span kommen und gehen sehen. „Eigentlich haben uns viele überholt – in Sachen Plattenverkäufe und Erfolg“, sagt Schöre. Aber kaum jemand ist so lange schon auf Schweizer Bühnen präsent, wie Span. „Wir haben immer noch Spass am Musikmachen“, macht Schöre klar, „was möglicherweise daran liegt, dass unsere Konzerte nicht einfach Vortragsübungen sind. Wir spielen immer noch Musik, die dem Urgedanken der Musik folgt, Musik die lebt. Unsere Musik ist für mich wie ein Bild mit Farbtupfern und verschiedensten Motiven. Wir haben die Freiheit, nicht jeden Gig gleich zu spielen.“ So kann es gut geschehen, dass Span auf eine Stunde angesagt sind und dann deren drei spielen – immer versucht, den Mix zwischen grossen Hits und neuem Material zu halten. „Was weiss ich – wir spielen vielleicht jeweils sechzig Prozent Songs, die gegeben sind und die die Leute hören wollen. Vierzig Prozent sind jeweils neues Material – da können wir frei variieren.“
Schöre Müller
Er habe schon gehört, Span seien eher Kult, als Hitlieferanten, meint Schöre mit einem Schmunzeln. „Ich glaube, der Hit an Span ist, dass es uns immer noch gibt.“ Trotzdem: „Louenesee“, „Bügle“, „Savoir vivre“ oder „Bärner Rock“ sind Songs, die den Weg von der Rockbühne hin zum Volksliedgut geschafft haben. „Und wir versuchen natürlich auf jedem Album wieder eine Nummer zu portieren, die ein Hit werden könnte.“ Mit „Hit“ meint Schöre dabei nicht primär Songs, die zehntausende von Mal verkauft werden. „´Louenesee´ war verkaufsmässig nie ein Hit. Es hat eine Eigendynamik entwickelt.“ Und heute unterrichten Lehrer den Song an Schulen. „U das isch ja ds schöne“, freut sich Schöre. Das zeige, dass sich Span trotz des Rebellentums in jungen Jahren auf eine Art etablieren konnten. „Und besonders schön ist, dass die Musik und dieses Rebellenwesen immer noch vorhanden sind und als Antriebskraft funktionieren.“ Es sei wohl das Privileg der Jugend, Gas geben zu können, ohne Rücksicht auf Verluste. Trotzdem: Als „Berufsjugendlicher“ sieht sich Schöre gar nicht. „Im Gegenteil: Meine Befindlichkeit ist heute besser, als vor 30 Jahren. Ich lebe viel bewusster. Ich spiele auch viel bewusster. Ich weiss, dass ich den schönsten Job habe, den es überhaupt gibt. Ich muss nicht Rebell sein. Ich kann geniessen. Zusammen mit dem aufmüpfigen Grundgedanken ist das ein Hammer!“ Und natürlich gehe er noch heute an den Lauenensee...
Schöre Müller
Und plötzlich landet unser Gespräch bei der CH-Szene als Ganzes. Ein Ganzes, das in den Jahrzehnten, in denen Span darin unterwegs ist enorm gewachsen ist – und gerade in den letzten Jahren immer schneller immer grösser wird. „Früher funktionierten sie auf dem Gurten ein paar Paletten zu einer Bühne um und darauf konnte man auch spielen“, erinnert er sich. „Heute ist alles ganz anders.“ Die ganze Musikindustrie sei heute anders - „nicht nur positiv“ - und das Wachstum und die Veränderung hätten gemeinsam stattgefunden. „Wir hatten keine Ahnung wo das hinführen würde damals“, sagt Schöre. „Heute ist alles sehr gut organisiert und strukturiert. Davon profitieren auch wir.“ Schöre hat drum auch keine Probleme nach dreissig Jahren Karriere dreissig weitere Jahre vorwärts zu schauen. „Ich bin 52, habe letztes Jahr eine tolle Frau geheiratet, letzte Woche gezügelt und Werner Christen von Livesound lebt auch noch – doch, ich schaue gerne nach vorne“, sagt Schöre und lacht. Christen, der Boss einer der grössten Ton- und Beleuchtungsfirmen in der Schweiz sitzt am Tisch und grinst. Die beiden sind fast nebeneinander aufgewachsen. „Z´Bärn, im Breitsch...“ Sogar die Tatsache, dass mittlerweile nicht mehr nur Kinder, sondern auch Enkelkinder im Publikum stehen, bringt Schöre nicht aus der Ruhe. „Es ist doch schön wenn Leute an unsere Konzerte kommen, ihre Kinder mitbringen und die auch den Plausch haben.“ Ach ja: Gut zwei Stunden nach dem Interview standen Span auf der Bühne. Und in Festzelt am Brienzer Rockfest standen (fast) alle auf den Bänken und Tischen. Nicht nur Kinder und Völleriche. Auch zwei Konzertbesucherinnen wohl weit über 60 standen auf den Tischen. „Jedes Grosi u jede Goof – alli chöi froh si, hinech gits Schwof“, sang einmal ein arrivierter Berner Mundartist...
Schöre Müller
Mit den Jahren haben sich nicht nur Musikbusiness und Fans verändert, sondern auch die technischen Möglichkeiten zum Musikmachen. „Die nutzen wir in der Band ganz unterschiedlich“, erzählt Schöre. „Keyboards sind zum Beispiel sehr nahe am Computer.“ Er selber sei diesbezüglich „ziemlich einfach: Ich glaube ein guter Song funktioniert auch, wenn ich eine Songidee auf einem ganz gewöhnlichen Kassettengerät aufnehme und er dort gut tönt. Ich gehe nicht davon aus, dass ein Song gut wird, wenn ich einen fetten Bass und ein geiles Drum hinlege und darauf was spiele.“ Wohl könne diese Arbeitsweise auch funktioniere – aber es sei nicht seine. „Aber: Wer sich damit auskennt, ist im Vorteil“, ist er überzeugt. Im Nachteil sieht sich Schöre aber aber genausowenig. „Ich besuche viele Konzerte, sehr viele Konzerte. Und mir gefällt immer noch Musik, die etwas beinhaltet. Das hat mit Kreation zu tun, etwas, das einem in die Seele fährt und einen berührt. Das hat nicht einmal primär mit Qualität zu tun, sondern mit der Frage ´Betrifft mich das oder nicht?´“ Und wie wenn es das Selbstverständlichste der Welt wäre, meint Schöre nur „Ja natürlich“, auf die Frage, ob diese Ideen, die die Leute berühren auch heute noch von selber kommen.
Stefan Kohli
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