Unchain: Plug and Play
Text: Sandy
Bilder: Unchain
Die legendäre Mühle Hunziken in Rubigen ist wohl der Musikschuppen mit dem gemütlichsten Ambiente. Das alte, mehrstöckige Holzhaus ist mit zig Plastikfiguren ausgeschmückt. Man hat das Gefühl, dass sie nicht nur das Geschehen da mitleben, sondern sämtliche Konzerte überwachen und die ganzen Emotionen festhalten. Nennen wir sie doch die Mühle-Seele. Sie ist es gewohnt, ruhige Musik zu geniessen, ab und zu Blues, und wenn es rockt, wird immer wieder abgebremst. Darum fühlt sie sich neulich, oben auf dem Mickey Mouse posiert, zuerst ziemlich verunsichert. Eine CD-Taufe mit purem Rock ist nämlich angesagt und sogar solcher der härteren Sorte. Ungewohnt entdeckt die Beobachterin von oben herab ein ganz anderes Publikum. Nicht nur Frauen, sondern auch mehrere Männer tragen ihre Haare lang und schütteln diese bereits bei der Vorband Grey Monday tüchtig im Rhythmus der Musik mit. Als die vier Jungs und das Mädel von Unchain auf die Bühne kommen, schliesst die gute Mühle-Seele vorerst die Augen und wünscht sich nichts so sehr, wie einen gemütlichen Sing-/Songwriter-Abend. Doch schon bald spürt sie einen Gitarrenpower, der echt, gekonnt und ungeschminkt durch das Haus fegt. Angefeuert durch das sofort mitziehende Publikum, getraut sie sich doch kurz in die Runde zu blinzeln. Spätestens als sie von George, CD-Tauf-Pate, eine kleine Champagner-Flasche zu geworfen bekommt, ist es auch um die treuste Seele geschehen. Beeindruckt schaut sie dem Geschehen zu, tanzt mit und bedauert, dass sie kürzlich die Haare abgeschnitten hat. Zum ersten Mal erlebt sie, dass das Publikum ein Zuschauer auf Händen trägt. Und sie kann es nicht fassen, dass die Mühle einfach über eine Stunde lang erdig und geladen rockt – bis hin zur Zugabe, dem treffenden Rock-Klassiker „Rockin’ in a free world!“
Nach dem erfolgreichen Gig und dem unglaublichen Andrang am CD-Stand, versuchen Sänger Tom und Gitarrist Mike, ihre Eindrücke in Worte zu fassen. „Es ist schon der Hammer, dass der Traum von einer CD-Taufe hier in der Mühle in Erfüllung ging“, sagt Tom und ergänzt mit glänzenden Augen. „Und die Emotionen haben sich jetzt sogar noch verdoppelt, weil so viele Leute gekommen sind, und so ein geiles Fest daraus geworden ist. Es ist unglaublich.“ Vermutlich werden Unchain aus dem Seeland dem Refrain des Songs ihres Übungslokal-Nachbar und Taufpate George heute gerecht und gehen erst nach Hause, wenn die Sonne aufgeht. Hier auf der Bühne zu stehen, ist für jeden Musiker ein Wunsch und Tom weiss jetzt, dass es anders ist, als an anderen Orten: „Schon nur der Gedanke, zu wissen, wer alles schon hier gespielt hat, macht euphorisch. Es ist einfach eine Ehre und man kommt mit viel Achtung auf die Bühne.“
Beim englischen Wort „Unchain“ kommt einem sofort der Hit „Unchain my heart“ von Joe Cocker in den Sinn. Joe reisst sich von seinem Herz los, die Seeländer entfesseln ihre Gefühle, und zwar immer dann, wenn sie spielen können. Tom: „ Es ist der Ausgleich zum Alltag. Der Moment, in dem wir unsere Energie herauslassen können.“ Schon nach dem Abspielen der ersten Takte scheinen Unchain in ihre Welt abzutauchen, Nervosität ist kaum zu spüren. „Du hättest uns fünf Minuten vor dem Auftritt sehen sollen“, schmunzelt Tom. „Sobald die ersten Töne kommen, rutscht man in einen Film rein und lässt los, ohne zu studieren – es läuft einfach. Das mache es so echt“, weiss der Sänger, der übrigens mit Hut auf der Bühne steht, auch erinnernd an Cockers: „You can leave your hat on“.
Mit ihrem Album „Plug & Pay“ haben Unchain ihren eigentlichen Erstling getauft. Es ist die erste volle CD in dieser Formation, und die erste, die in der Schweiz erhältlich ist. Einstecken und spielen ist genau das Moto der Rocker.: „So ist unser Stil. Wir kommen, stecken ein und spielen drauf los.“ Sie werden auch nicht verlegen, wenn mal der Strom ausgehen soll. Mike verrät augenzwinkernd: „Ich habe nämlich noch eine akustische Gitarre.“ Das Studio ist nicht unbedingt die Welt der Musiker. Mit Tom Vetterli als Produzent haben sie jedoch einen unermüdlichen Coach und Antreiber gefunden. Konzentration und Perfektionismus sei dabei vermehrt gefragt gewesen. Das Abtauchen in den Live-Film fehle jedoch vollkommen. Dank dem Vorweisen eines Albums liebäugeln Unchain damit, nun vermehrt Auftritte zu erhalten, auch grössere. Ihre ausgekoppelte Single heisst nicht zufällig „Going to the Clubs“, selbstverständlich sind aber auch Festivals willkommen.
Mike bringt für ihre Songs die instrumentalen Ideen und Tom die textlichen. Das Gerüst könne auch nur einige Akkorde sein, die Mike dann in den Übungskeller mitnehme. Dort seien dann alle fünf Musiker am Finessen ausarbeiten. Alle sind am Song beteiligt, dass sei auch ein Grundgedanke von Unchain. „Jeder von uns hat Ideen und es wäre schade, wenn er diese nicht einbringen könnte“, sagt Mike. Die fünf Seeländer fühlen sich sowieso wie eine Familie. Auch wenn es komisch töne, sei ein Vergleich mit einer Ehe treffend. „Freundschaft ist uns sehr, sehr wichtig, und wir machen nebst der Musik auch sonst vieles zusammen“, verrät Mike und ergänzt: „Wir können uns das eine ohne das andere nicht vorstellen.“ Genau das sei für Unchain auch wichtig. Die jetzige Formation gibt es seit zweieinhalb Jahren. Tom: „Es hat bei allen von Anfang an klick gemacht. Die Chemie stimmt einfach.“ Hinterfragen will er das Ganze nicht, sondern stolz und dankbar annehmen: “Bis jetzt hat es sich bewährt, das Bauchgefühl stimmt. Genau deshalb wirkt die Band nicht zusammengesetzt.“
Ungewöhnlich kommt die alte Mühle in Rubigen erst zur frühen Morgenstunde zur Ruhe. Auch die Mühle-Seele oben auf der Plastikfigur ist immer noch wach und schaut den Übriggebliebenen zu. Viele schöne Emotionen bleiben heute im Gebäude hängen. Einmal mehr entscheidet nicht der Musikstil über das Vergangen, sondern wie Gitarrist Mike so schön sagt: „ Die Leute und wir hatten Freude, die Vibrationen und Gefühle sind gut gewesen, mehr braucht es nicht.“